Medizin

Studie: Paracetamol bei Kindern könnte Asthmarisiko erhöhen

Freitag, 19. September 2008

Auckland – Ist der zunehmende Einsatz von Paracetamol bei Kindern mitverantwortlich für den Anstieg der Asthmaprävalenz in den letzten 50 Jahren? Eine weltweite Querschnittsstudie findet im Lancet (2008; 372: 1039-1048) eine Assoziation, die zwar kein Beweis ist, aber nach Ansicht eines Editorialisten durchaus Fragen zum unkritischen Einsatz des Antipyretikums bei Kindern aufwirft.

Für die Weltgesundheitsorganisation zählt Paracetamol zu den essenziellen Medikamenten, auf die Ärzte nicht verzichten können und sollen. Bei Kleinkindern ist es das bevorzugte Antipyretikum, die WHO rät jedoch Paracetamol erst bei hohem Fieber einzusetzen (39 Grad oder höher laut WHO-Dokumenten; 38,5 Grad oder höher laut Pressemitteilung). Die WHO begründet dies mit den positiven Auswirkungen des Fiebers auf die Immunabwehr und die potenzielle Hepatotoxizität von Paracetamol. 

Ein weiteres Argument gegen den unkritischen Einsatz von Paracetamol bei Kindern könnten die Ergebnisse der International Study of Asthma and Allergies in Childhood (ISAAC) liefern. Diese weltweit einzigartige Studie sucht seit 1991 nach den Ursachen für die steigende Asthmaprävalenz. In der dritten Phase der Untersuchung gingen Richard Beasley von der Universität Auckland in Neuseeland und Mitarbeiter der Frage nach, ob es einen Zusammenhang zwischen dem steigenden Einsatz von Paracetamol bei Kleinkindern und der steigenden Prävalenz von Asthmaerkrankungen geben könnte.

Dazu wurden die Fragebögen zu 205.487 Kindern im Alter von sechs bis sieben Jahren aus 31 Ländern ausgewertet. In der Multivariat-Analyse finden die Forscher tatsächlich eine Assoziation: Kinder, die im ersten Lebensjahr mit Paracetamol behandelt wurden, hatten ein um 46 Prozent erhöhtes Risiko später an Asthmasymptomen zu leiden (Odds Ratio 1,46; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,36-1,56).

Auch bei älteren Kindern bestand eine Assoziation, die zudem dosisabhängig war. Letzteres ist in epidemiologischen Studien ein wichtiges Argument für eine Kausalität. Darüber hinaus war der Einsatz von Paracetamol im ersten Lebensjahr mit einem um 48 Prozent erhöhten Risiko auf eine Rhinokonjunktivitis (also Heuschnupfen) und einem um 35 Prozent erhöhten Risiko auf Ekzeme (also Neurodermitis) assoziiert.

Nach den Berechnungen Beasleys könnte der Einsatz von Paracetamol zwischen 22 und 38 Prozent aller Asthmaerkrankungen bei Kindern erklären (“population-attributable risk”). Ob die Zahlen allerdings die Wirklichkeit richtig wiedergeben, ist mit einem großen Fragezeichen zu versehen.

Der Editorialist Graham Barr von der Columbia University Medical Center in New York nennt die Schwächen der Studie (Lancet 2008; 372: 1011-1012): ISSAC hat zwar eine unschlagbar hohe Teilnehmerzahl, was die Ergebnisse statistisch unanfechtbar macht. Doch ist und bleibt sie eine Querschnittsstudie, bei der die Exposition (die Einnahme von Paracetamol) retrospektiv (nämlich durch Befragen der Eltern) erhoben wurde. Dies kann schnell zu Verzerrungen führen:

Ein “Recall-Bias” entsteht, wenn die Eltern asthmakranker Kinder sich häufiger an den auslösenden Faktor (die Gabe von Paracetamol) erinnern, weil sie bewusst oder unbewusst einen Zusammenhang sehen. Möglich ist auch ein “Reporting bias”, weil um die Gesundheit der Kinder besorgte Eltern häufiger Paracetamol einsetzen und später bei der Umfrage häufiger die Asthmasymptome nennen als weniger sensibilisierte Eltern.

Es ist auch möglich, dass der vermehrte Einsatz von Paracetamol nur ein zufälliger Marker für eine Veränderung anderer Ursachen (zum Beispiel Lebensstil, Infektionen, Hygiene) ist, die ebenfalls in den letzten Jahren zugenommen haben. Für die ISAAC-Autoren wie für den Editorialisten Barr gibt es deshalb keinen Grund von den derzeitigen Empfehlungen zum (zurückhaltenden) Einsatz von Paracetamol bei Kindern abzurücken. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige