Medizin

Warum Schizophrenie­patienten rauchen

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Chicago – Nikotin steigert im Gehirn von Patienten die Bildung des Neurotransmitters Gamma-Aminobuttersäure (GABA), der bei Patienten mit Schizophrenie vermindert ist. Dies zeigen tierexperimentelle Studien in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2008; doi: 10.1073/pnas.0808699105). Der bei Menschen mit Schizophrenie häufig exzessive Tabakkonsum könnte deshalb der Versuch einer Selbsttherapie sein.

Fast alle Patienten mit Schizophrenie rauchen und viele sind ausgesprochen starke Raucher, die oft nicht mit einer Schachtel am Tag auskommen. Die Ursache vermutet Alessandro Guidotti in den Auswirkungen des Nikotins auf die Bildung von GABA. GABA ist im menschlichen Gehirn der wichtigste inhibitorische Neurotransmitter. Bei Menschen mit Schizophrenie ist GABA häufig vermindert, was manche Forscher mit den Positivsymptomen der Erkrankung, also beispielsweise den Halluzinationen in Verbindung bringen. 

Frühere Studien hatten auf den Zellen, die GABA produzieren, Nikotinrezeptoren nachgewiesen. Guidotti behandelte deshalb seine Versuchstiere mit Nikotin. Die Menge entsprach der Konzentration von 20 bis 30 Zigaretten am Tag. Er konnte daraufhin einen Rückgang des Enzyms DNA-Methyltransferase 1 (DMT1) in den GABA-produzierenden Zellen nachweisen. DMT1 hemmt die Bildung von GABA. Seine Blockade könnte deshalb die Konzentration von GABA im Gehirn von Patienten mit Schizophrenie normalisieren. 

Diese pathogenetischen Zusammenhänge könnten erklären, warum Menschen mit Schizophrenie häufig zur Zigarette greifen. Diese “Selbsttherapie” führt jedoch allem Anschein nicht zu einer Besserung der Symptome. Der exzessive Tabakkonsum schadet außerdem den Patienten und kann deshalb kaum empfohlen werden. Ob eine Nikotinersatztherapie einen Nutzen hat, müsste noch in klinischen Studien untersucht werden. © rme/aerzteblatt.de

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