Weltgesundheitsbericht: 30 Jahre nach Alma Ata steigende Kluft in der Lebenserwartung
Mittwoch, 15. Oktober 2008
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| WHO-Direktorin Margaret Chan |
Almaty/Kasachstan – Dreißig Jahre nach der Deklaration von Alma Ata herrscht Ernüchterung bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das damals eingeforderte grundlegende Menschenrecht auf Gesundheit konnte nicht umgesetzt werden. Im Gegenteil: Die Ungleichheit ist gestiegen und die Kluft in der Lebenserwartung zwischen reichen und armen Ländern hat sich weiter vergrößert.
Die „Konferenz zur Primären Gesundheitsversorgung“, die im September 1978 in Alma Ata (heute Almaty) stattfand, ist tief ins allgemeine Bewusstsein eingedrungen. Wer kennt nicht den Anspruch, nach welchem Gesundheit sich nicht allein durch die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen definiert ist, sondern einen „Zustand des vollständigen, körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ beschreibt.
Die Deklaration forderte damals die Verringerung der Kluft zwischen Entwicklungsländern und Industrieländern. Dreißig Jahre später versucht die WHO den Geist von Alma Ata wieder zu beschwören, indem sie den Weltgesundheitsreport in der Stadt vorstellt, die heute nicht mehr zum Sowjetimperium gehört und auch nicht mehr Hauptstadt von Kasachstan ist und dessen Gesundheitssystem im Weltgesundheitsbericht gar nicht erwähnt wird.
Der Report beschreibt den bekannten Zustand, wonach der Gesundheitszustand der Bevölkerung im hohen Maße vom Wohlstand abhängt, der ein Marker der Gesundheitsausgaben ist. Diese schwanken global zwischen 20 und über 6.000 US-Dollar, wobei in vielen ärmeren Ländern die Menschen mehr als die Hälfte aus eigener Tasche dazuzahlen müssen.
Die Folge wird in Abbildung 1.4 auf Seite 4 des Reports auf einen Blick klar: Sie zeigt die Lebenserwartung in Abhängigkeit vom Bruttosozialprodukt. Die Unterschiede zwischen ärmeren und reicheren Ländern betragen mehr als 40 Jahre und haben sich seit 1975 sogar noch vergrößert. Die Lebenserwartung ist in den letzten Jahren nämlich nur in den reicheren Ländern gestiegen.
Nach Abbildung 1.5. bestehen Unterschiede auch innerhalb ein- und desselben Landes, etwa in Indien oder China, was angesichts der Größe und der Heterogenität der Länder nicht verwundert. Aber auch in einzelnen Städten gibt es krasse Unterschiede. So ist die Kindersterblichkeit in den reicheren Vierteln von Nairobi auf unter 15 pro 1.000 Kinder gefallen. In den Slums der gleichen Stadt beträgt sie 254 pro 1.000 Kinder.
Eine verbesserte primäre Gesundheitsversorgung (aller Bevölkerungsschichten) ist nach Ansicht der WHO weiterhin die einzige Möglichkeit, die Kluft zu vermindern. Der Prävention von Krankheiten wird dabei die größte Bedeutung beigemessen. Bis zu 70 Prozent ließe sich der globale „burden of disease“ durch die bessere Ausnutzung von bekannten präventivmedizinischen Maßnahmen reduzieren, heißt es in der Pressemitteilung.
Dazu fehlt aber in vielen Ländern, vor allem in ländlichen Regionen, die notwendige Infrastruktur. Dies habe eine zunehmende Fragmentierung der Gesundheitsvorsorge zur Folge, heißt es. Statt die Gesundheitsversorgung im Ganzen zu verbessern, könnten nur einzelne Projekte umgesetzt werden. Die Bevölkerung werde zu Programmzielen (“programme targets”) degradiert. Eine Lösung biete nur die Rückkehr zu einer allgemeinen Gesundheitsversorgung.
Sie sei am ehesten den sich wandelnden Anforderungen gewachsen. Die Urbanisierung hat nämlich dazu geführt, dass die Menschen neuen Gefahren ausgesetzt sind. Bei Kindern gehört dazu der zunehmende Straßenverkehr. Die Zahl der Verkehrsopfer ist in vielen Entwicklungsländern weitaus höher als in den Industrieländern. Bei älteren Menschen sind auch in den Entwicklungsländern die so genannten Zivilisationskrankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs, Diabetes und Asthma hinzugekommen.
Der Report zeigt aber auch die Fortschritte einzelner Länder. Die Kindersterblichkeit ist beispielsweise im Oman dramatisch zurückgegangen, was mit dem Ölreichtum des Landes zusammen hängen dürfte. Aber auch Portugal und Chile, Malaysia und Thailand verzeichnen Fortschritte. © rme/aerzteblatt.de
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