Medizin

Studie: Übergewichtige haben weniger Freude am Essen

Freitag, 17. Oktober 2008

Eugene – Nach dem Trinken einer heißen Schokolade schüttet das Gehirn vermehrt Dopamin aus. Diese Belohnungsreaktion ist nach einer Studie in Science (2008; 322: 449-452) bei Übergewichtigen vermindert, vor allem wenn ein genetischer Mangel an Dopamin-Rezeptoren besteht. Die dadurch getrübte Freude am Essen könnte eine Ursache für die Adipositas sein.

Dopamin ist der wichtigste Neurotransmitter im Belohnungssystem des Gehirns. Seine gesteigerte Ausschüttung ist nicht nur das Ziel von Konsumenten diverser illegaler Drogen. Auch das Essen bereitet dem Menschen Freude. Und viel Freude könnte in diesem Fall eine Gewichtszunahme zur Folge haben.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass viele Patienten unter der Therapie mit Dopamin-Antagonisten (dazu gehören einige Neuroleptika) zunehmen, während einige Dopamin-2-Agonisten (Parkinsonmedikament) den Appetit eher drosseln. Die Vermutung, dass adipöse Menschen eine verminderte Zahl oder Funktion von Dopamin-2-Rezeptoren haben, wird schon seit längerem vermutet, und es gibt hierfür auch einige Hinweise aus Tierexperimenten. Die Studie von Eric Stice vom Oregon Research Institute in Eugene ist jedoch die erste, die dies prospektiv beim Menschen zeigen kann.

Stice führte zwei Studien durch: Die erste an 43 leicht übergewichtigen College-Studentinnen (BMI 28,6), die andere an 33 auch nicht mehr ganz so schlanken Teenagern (BMI 24,3). Die Probanden wurden kernspintomografisch untersucht, nachdem sie ein Schoko-Milkshake oder eine geschmacklose Flüssigkeit getrunken hatten.

Nur die leckere Schokolade führte im dorsalen Striatrum (das Bestandteil des Belohnungssystems ist) zur vermehrten Ausschüttung von Dopamin, wie der Vorher-/Nachher-Vergleich in der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRI) zeigte. Das Ausmaß der Dopaminfreisetzung korrelierte invers mit dem BMI der Probandinnen.

Das heißt: Je dicker die jungen Frauen, desto weniger Dopamin wurde ausgeschüttet und (so steht zu vermuten) desto weniger Freude hatten sie an ihrem Getränk. Die Assoziation war besonders deutlich, wenn die Frauen Trägerinnen des A1 Allels im Taq1-Gen waren. Dieses Gen beeinflusst die Zahl der Dopamin-2-Rezeptoren im Gehirn. Beim A1-Allel ist die Zahl der Rezeptoren verringert und man darf unterstellen, dass die Freude, die das Trinken eines Schoko-Getränks auslöst, dann vermindert ist.

Da liegt die Vermutung nahe, dass Übergewichtige oder Träger des A1-Alles eher dazu neigen, sich noch einen zweiten Schoko-Drink zu gönnen, was auf die Dauer ihr Gewichtsproblem verschärfen dürfte. Die Forscher kontaktierten die Teenager der zweiten Studie ein Jahr nach den Experimenten, und tatsächlich hatten solche mit einer verminderten Dopamin-Reaktion im Gehirn mehr Gewicht zugelegt als die anderen.

Die Forschung könnte durchaus therapeutische Konsequenzen haben, denn Medikamente, welche das Belohnungssystem fördern, stehen ja (auch unterhalb der Schwelle zur Droge) zur Verfügung. Da diese Medikamente nicht ohne Nebenwirkungen sind, sollte man vor dem Einsatz besser die Ergebnisse der klinischen Studien abwarten, die möglicherweise durch die Studie angeregt werden. © rme/aerzteblatt.de

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