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Zwei Jahre nach Gentherapie leben Kinder mit Wiskott-Aldrich-Syndrom ohne Symptome des Immundefekts

Montag, 20. Oktober 2008

Hannover – An der Medizinischen Hochschule Hannover haben pädiatrische Hämatologen weltweit erstmals Kinder mit Wiskott-Aldrich-Syndrom gentherapeutisch behandelt – bislang erfolgreich. Die Behandlungen von zwei Kindern liegen 24 Monate zurück, bei einem dritten Kind begann die Therapie vor acht Wochen.

Den heute fünfeinhalb Jahre alten Kindern, die vor zwei Jahren therapiert wurden, gehe es gut, sie hätten keine Symptome der Immundefizienz mehr. Bei dem jüngst behandelten Kind sei es zu früh für eine Aussage über die therapeutischen Effekte, sagte Christoph Klein (Hannover) anlässlich der 13. Jahrestagung der European Society for Immunodeficiencies in ’s-Hertogenbosch (Niederlande).

Bei dem Kongress hat Kaan Boztug (Hannover) die Daten der Patienten erstmals vorgestellt: „Zu einem früheren Zeitpunkt hätte man die möglichen erwünschten und unerwünschten Effekte der Behandlung nicht valide abschätzen können“, erläuterte Klein im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Das Wiskott-Aldrich-Syndrom ist ein X-chromosomal vererbter, schwerer Immundefekt, bei dem die Expression des Wiskott-Aldrich-Proteins (WASP) nicht funktioniert. WASP wird für die Organisation Zytoskeletts benötigt.  Fehlt das Protein in den hämatopoetischen Stammzellen, sind T- und B-Lymphozyten, Makrophagen, dendritische Zellen, NK-Zellen und Thrombozyten nicht voll funktionsfähig.

Die Kinder leiden an schweren Infektionen, oft mit opportunistischen Krankheitserregern, sowie an Ekzemen und Blutungen und haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen und Lymphomen.  

Als Genfähre wurde ein retroviraler Vektor mit den genregulatorischen Steuerungselementen des Virus benutzt. Mithilfe des Vektors wird das Gen für WASP in zuvor dem Kind entnommene Stammzellen eingebracht. Bevor die Stammzellen reinfundiert werden, erhält der Patient eine vorübergehende Immunsuppression (Busulfan), damit die genveränderten Stammzellen einen Vermehrungvorteil gegenüber den unveränderten Zellen haben.

Die lymphoiden Zelllinien zeigten in beiden Patienten eine überwiegend normale Entwicklung und Zellzahl mit funktionaler Rekonstitution der T- und B-Lymphozyten, NK-Zellen und dendritischen Zellen.

Auch die Mehrzahl der Blutplättchen entwickle sich normal, wodurch keine Blutungen mehr aufträten. Trotz etwas geringerer Effekte der Gentherapie auf die myeloiden Zelllinien reichten offenbar auch Zahl und Funktion von Makrophagen und Monozyten für den Immunschutz aus.

Eine klonale Anreicherung von Zellen, die zu malignen Entartungen führen kann, gab es bislang nicht, so die Forscher. Seit nach einer Gentherapie von 19 Kindern mit dem Immundefekt SCID-X1 fünf Patienten Leukämien entwickelt haben und eines daran gestorben ist, wird dieses Sicherheitsrisiko der Gentherapie genau untersucht.

Bei der Gentherapie von SCID-X1 könnte auch das übertragene Gen selbst zur Mutagenese beitragen, ist eine Vermutung. Dieses mögliche Risiko könnte beim Wasp-Gen vermindert sein, weil es anders als das bei SCID-X1-übertragene Gen, physiologisch in Zellen der frühen Hämatopoese exprimiert werde, sagte Klein.

Jetzt wollen andere Teams, darunter Allessandro Aiuti (Mailand) mit Gentherapiestudien zu Wiskott-Aldrich-Syndrom beginnen. Grundsätzlich komme aber eine solch neue Strategie nur infrage, wenn die Symptome nicht kontrollierbar seien und kein HLA-identischer Stammzellspender zur Verfügung stehe, so die Forscher. © nsi/aerzteblatt.de

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