Medizin

330.000 Todesfälle durch unterlassene HIV-Therapie in Südafrika

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Thabo Mbeki /dpa

Boston – Die Weigerung der früheren Regierung Südafrikas, die Behandlung von Aids-Patienten mit antiretroviralen Medikamenten (ARV) zu fördern, hat in den Jahren 2000 bis 2005 schätzungsweise 330.000 Menschenleben gefordert. Hinzu kommen nach einer Studie im Journal of Acquired Immune Deficiency Syndromes (2008; doi: 10.1097/QAI.0b013e31818a6cd5) noch 35.000 HIV-infizierte Neugeborene, denen eine Prophylaxe mit Nevirapin vorenthalten wurde.

Südafrika gehört zu den am stärksten von der HIV-Epidemie betroffenen Ländern. Nach Angaben von UNAIDS sind 5,5 Millionen Einwohner oder 19 Prozent der Erwachsenen HIV-Infiziert. Die Regierung wollte das Problem lange Zeit nicht wahrhaben.

Präsident Mbeki (1999 bis 2008) bestritt sogar sogar öffentlich, dass HIV die Ursache von Aids ist. Seine Gesundheitsministerin Tshabalala-Msimang empfahl Olivenöl und Rote Beete zur Stärkung des Immunsystems. Auch die Vitamintherapie des deutschen Alternativmediziners Mathias Rath stieß auf offene Ohren.

Das Angebot der Pharmafirma Boehringer Ingelheim im Jahr 2000, über fünf Jahre das HIV-Medikament Nevirapin zur Prophylaxe der Mutter-Kind-Übertragung kostenlos zur Verfügung zu stellen, wurde dagegen dankend abgelehnt. Nur zwei Pilotprojekte wurden genehmigt.

Auch die Spenden des Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis, and Malaria für die Provinz KwaZulu Natal wurden über mehr als ein Jahr blockiert, berichtet Pride Chigwedere, der vor seiner Tätigkeit an der Harvard School of Public Health in Boston als Arzt HIV-Patienten in Simbabwe behandelt hatte.

Chigwedere geht bei seinen Berechnungen von der realistischen Prämisse aus, dass ein nationales ARV-Programm bereits im Jahr 2000 etwa fünf Prozent der Infizierten erreicht haben könnte. Bis 2005 hätte der Anteil auf 50 Prozent gesteigert werden können. In den Nachbarländern Botswana und Namibia war der Versorgungsgrad höher.

Tatsächlich wurden in Südafrika vor 2003 weniger als drei Prozent der Erkrankten erreicht. Bis 2005 stieg der Anteil auf nur 23 Prozent. Diese Verzögerung hat nach den Berechnungen Chigwederes 330.000 Aids-Patienten das Leben gekostet. Der Verlust an Lebensjahren (Person-Years Lost) betrug sogar 2,2 Millionen.

Als katastrophal betrachtet Chigwedere auch die Weigerung der südafrikanischen Regierung, die Ergebnisse des HIV Network for Prevention Trials 012 Trial zur Kenntnis zu nehmen. Sie hatte ergeben, dass eine einzige Tablette Nevirapin das HIV-Übertragungsrisiko von der Mutter auf das Kind um 47 Prozent senkt (bei stillenden Müttern im Vergleich zur oralen Behandlung mit Zidovudin).

Wäre die Regierung auf das Angebot des Herstellers eingegangen, hätten dies vielen der 35.000 Kinder, die sich während der Jahre mit HIV infizierten, eine lebenslange Infektion erspart. Chigwedere geht von (bisher) 1,6 Millionen verlorenen Lebensjahren aus.

Inzwischen ist die Verwendung von ARV in Südafrika angestiegen. Ob die Ignoranz überwunden werden konnte, bleibt abzuwarten. Jacob Zuma, Präsident des African National Congress (ANC), der stärksten Partei des Landes, und designierter Staatschef, hatte in einem Gerichtsverfahren – er war der Vergewaltigung einer HIV-infizierten Aids-Aktivistin angeklagt – ausgesagt, dass für ihn selbst kein Infektionsrisiko bestanden habe, da er sich nach dem Geschlechtsverkehr geduscht habe….© rme/aerzteblatt.de 

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