Medizin

Studie gestoppt: Vitamin E und Selen mit potenziellen Risiken in der Prävention des Prostatakarzinoms

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Bethesda – Erneut hat eine Studie zu Vitaminen (oder Spurenelementen) nicht das erhoffte Resultat ergeben. Das US-National Cancer Institute (NCI) gab jetzt bekannt, dass die SELECT-Studie vorzeitig beendet wird. Einer Zwischenauswertung zufolge schützt Vitamin E und/oder Selen ältere Männer nicht vor einem Prostatakarzinom. Unter der Gabe von Vitamin E war das Risiko von Prostatakarzinomen sogar tendenziell erhöht und im Selen-Arm der Studie stieg die Zahl der Diabeteserkrankungen an. 

Am „Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial“ (SELECT) hatten unter der Leitung der Southwest Oncology Group (SWOG) an mehr als 400 Orten in den USA, Puerto Rico und Kanada rund 35.000 Männer im Alter ab 50 Jahren teilgenommen. Sie waren auf vier Studienarme randomisiert worden, in denen sie mit 400 mg Vitamin E oder 200 µg Selen oder beiden Präparaten oder mit Placebo behandelt wurden. 

SELECT war 2001 ins Leben gerufen worden. Anlass waren die Ergebnisse zweier früherer Studien, die ebenfalls enttäuschend geendet hatten. Die erste Studie war der „Alpha-Tocopherol, Beta-Carotene Cancer Prevention (ATBC) Trial“, den das NCI zusammen mit der finnischen Gesundheitsbehörde zwischen 1985 und 1993 an Rauchern durchgeführt hatte.

Ergebnis: Statt vor weiteren Tumoren zu schützen erhöhte Betacarotin das Lungenkrebsrisiko um 18 Prozent, Vitamin E hatte keine Wirkung (New England Journal of Medicine 1994; 330: 1029-1035). Eine spätere Subgruppenanalyse ergab jedoch, dass Vitamin E das Risiko auf ein Prostatakarzinom um 32 Prozent senkte. Zudem gab es 40 Prozent weniger Tote an diesem Tumor.
Der zweite Anlass zu SELECT war der „Nutritional Prevention of Cancer Trial“. An der Studie hatten zwischen 1983 und 1991 1.312 Patienten mit Basaliomen oder Spinaliomen in der Vorgeschichte teilgenommen. Die Therapie mit 200 µg Selen sollte hier das erneute Auftreten von Hauttumoren verhindern.

Am Ende war deren Rate, wenn auch nicht signifikant um zehn Prozent (Basaliome) und 14 Prozent (Spinaliome) gestiegen. Auch diese Studie wurde in der Folge umgedeutet: Eine Subgruppenanalyse hatte ein deutlich vermindertes Krebsrisiko aufgespürt. Die Rate der Prostatakarzinome könnte danach um 52 Prozent sinken.

Dies alles ist jetzt Makulatur. Denn eine im September 2008 vorgenommene Zwischenauswertung von SELECT ergab, dass weder Selen noch Vitamin E, noch beide Substanzen kombiniert das Risiko auf ein Prostatakarzinom signifikant senken. Dieser Null-Befund allein hätte vermutlich nicht zum Abbruch geführt.

Es zeigten sich aber zwei beunruhigende Trends: Im Studienarm mit der alleinigen Vitamin E-Gabe kam es zu einem leichten Anstieg der Erkrankungen am Prostatakrebs und im Studienarm mit der alleinigen Selen-Gabe stieg die Zahl der Diabeteserkrankungen. Beide Trends könnten durchaus ein Zufallsergebnis gewesen sein, schreibt das NCI, aber in Kombination mit den fehlenden Hinweisen auf die erhoffte präventive Wirkung riet das unabhängige Data and Safety Monitoring Committee dazu, die Studie zu beenden.

Nach anderthalb Monaten Bedenkzeit wurden die Teilnehmer der Studie Anfang der Woche vom NCI benachrichtigt und gebeten, keine weiteren Vitamin-Tabletten einzunehmen. Wenn sie möchten, können Sie weiterhin Finasterid erhalten, das in einer früheren SWOG-Studie von 2003 die Rate der Prostatakrebsfälle um 25 Prozent gesenkt hatte. Wegen der gleichzeitig beobachteten erhöhten Rate von High-Grade-Tumoren hat sich diese Therapie jedoch nicht allgemein durchgesetzt.

Selen und Vitamin E sind keineswegs die harmlosen Nahrungsergänzungsmittel, als die sie in weiten Teilen der Bevölkerung wahrgenommen werden. Im Raum steht nicht nur eine erhöhte Rate von Herzinsuffizienzen (JAMA 2005; 293: 1338-1347). Eine im letzten Jahr publizierte Meta-Analyse detektierte sogar eine leicht (aber signifikant) erhöhte Mortalität (JAMA 2007; 297: 842-857), die zuvor schon für höhere Dosierungen des antioxidativen Vitamins beschrieben wurde (Annals of Internal Medicine 2005; 142: 37-46).

Auch das in der SELECT-Studie tendenziell erhöhte Diabetesrisiko unter Selen wäre keineswegs eine Überraschung. Eine Querschnittsstudie ergab, dass hohe Selenwerte im Blut mit einem um 57 Prozent erhöhten Diabetesrisiko einhergehen  (Diabetes Care 2007; 30: 829-834).

Auch in einer im letzten Jahr erschienenen randomisierten Studie hatten langfristige Anwender von Selen ein bis zu 2,7-fach erhöhtes Diabetesrisiko (Annals of Internal Medicine 2007; 147: 217-223). Zwei weitere Studien fanden indes keinen Zusammenhang oder sogar eine protektive Wirkung von Selen.

Auch um die möglichen Risiken von Selen und Vitamin E besser beurteilen zu können, will das NCI die Teilnehmer der SELECT auch nach dem Abbruch der Therapie noch drei weitere Jahre beobachten. Die aktuellen Ergebnisse, die zum Abbruch der Studie geführt haben, sollen demnächst publiziert werden. © rme/aerzteblatt.de

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