9.660 News Medizin

Medizin

Aids-Therapie mit überraschendem Ausgang

Mittwoch, 12. November 2008

Leipzig – Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. „Berliner Arzt heilt Aids-Kranken“ titelte am Mittwoch eine Boulevardzeitung über einen Therapieerfolg an der renommierten Charité. Gero Hütter und seine Kollegen vom Klinikum Benjamin Franklin hatten einem Leukämie-Patienten, der zudem mit Aids infiziert war, mutierte HIV-resistente Stammzellen transplantiert.

600 Tage danach ist das HI-Virus im Blut und auch im Zentralnervensystem nicht mehr nachweisbar. Doch von einer „Weltsensation“ kann nicht die Rede sein. Vielmehr hat eine Reihe von Zufällen und günstigen Umständen den Therapieerfolg unterstützt. Experten warnen deshalb davor, allzu große Hoffnungen für die Aids-Therapie zu wecken.

Die verantwortlichen Mediziner betonten auf einer Pressekonferenz in Berlin ausdrücklich, dass es bei dem Patienten vor allem um die Behandlung der akuten Leukämie ging. Die Behandlung von HIV sei nur der positive „Nebeneffekt“ gewesen, berichtete Hütter. Der aidskranke Patient hatte sich vor drei Jahren im Klinikum gemeldet.

Der 42-Jährige wurde wie andere Blutkrebspatienten einer Chemotherapie und einer anschließenden Stammzelltranspalantation unterzogen. Dabei kam den Medizinern nach den Worten von Klinikdirektor Eckhart Thiel die „Idee“, die HIV-Infektion gleich mitzubehandeln. 

Der erste „glückliche Zufall“ war die große Zahl von 80 potenziellen Spendern, statt der sonst üblichen ein bis fünf Spender. Bei einem Spender – der zweite glückliche Zufall – fand sich wiederum eine Mutation, von der bekannt ist, dass sie Zellen immun gegen das HI-Virus macht: Um in die Zellen zu gelangen, braucht das HI-Virus normalerweise zwei Rezeptoren.

Etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung hat eine Mutation bei einem dieser Rezeptoren. Sie können dadurch nicht infiziert werden. Genau diese mutierten Stammzellen wurden dem Patienten nun transplantiert. Das ist bislang einmalig. Möglicherweise bietet der Berliner Fall nun neue Ansätze für die Forschung. 

Seit zwei Jahren ist HIV bei dem Berliner Patienten nicht mehr nachweisbar. Von Heilung will und kann aber noch niemand sprechen. Denn auch die Experten wissen, dass das trickreiche Virus sich zum Beispiel in der Milz oder in Gehirnzellen verstecken und wieder zurückkehren kann. Gero Hütter will deshalb auch „keine falschen Hoffnungen“ wecken.

„Weder jetzt noch in naher Zukunft ist das Verfahren geeignet, HIV-Patienten zu behandeln“, betonte der junge Mediziner, der von dem großen Rummel überrascht schien. Zudem sei die Knochenmarktransplantation mit einer so hohen Sterblichkeit belastet, dass es ethisch nicht vertretbar wäre.

Auch der Sprecher des bundesweiten Forschungsverbundes HIV/Aids, Norbert Brockmeyer, bewertet den Fall zurückhaltend. Die Behandlung mit einer Stammzelltherapie sei grundsätzlich ein guter Ansatz. Dies bedeute aber nicht, dass das Virus nicht mehr im Körper stecke. Die Frage sei, wann das Virus neue Rezeptoren finde, um in die Zellen einzudringen, sagte der Bochumer Experte.

Auch Jörg Litwinschuh von der Deutschen Aids-Hilfe bleibt skeptisch. Es habe schon mehrfache Versuche gegeben, HIV auf diesem Wege zu behandeln. Für Gero Hütter ist deshalb das wichtigste an seinem überraschenden Therapieerfolg die „psychologische Message, dass HIV eine Archillesferse hat“. © afp/aerzteblatt.de

Anzeige
Drucken Versenden Teilen
9.660 News Medizin

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Merkliste

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in