Medizin

„Speckröllchen“ als Mortalitätsrisiko

Donnerstag, 13. November 2008

Potsdam-Rehbrücke – Nicht nur das Körpergewicht, auch der Taillenumfang und insbesondere das Verhältnis von Taille zur Hüfte beeinflussen das Sterberisiko. Dies geht auf der jüngsten Analyse der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition oder EPIC-Studie heraus, die jetzt im New England Journal of Medicine (2008; 359: 2105-2120) veröffentlicht wurde. 

EPIC ist die derzeit weltweit größte prospektive Kohortenstudie. An 23 Zentren in zehn europäischen Ländern wurden vor einem Jahrzehnt mehr als eine halbe Millionen Menschen untersucht, deren Schicksal die Forscher seither durch Analyse der Krebsregister und mithilfe von Befragungen recherchieren.

Da sich die Datenerhebung an den einzelnen Zentren unterschied, konnten für die aktuelle Auswertung die Daten von 359.387 Teilnehmern berücksichtigt werden. Von den Anfangs 35- bis 70-jährigen sind in den ersten 9,7 Jahren genau 14.723  verstorben. Das ermöglichte Tobias Pischon und Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) und ihren europäischen Kollegen, dem seit langem vermutetem Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Sterblichkeit nachzugehen.

Dabei bestätigte sich die bekannte Assoziation mit dem Body-Mass-Index (BMI). Die Beziehung ist hier nicht linear. Untergewichtige (BMI unter 18,5) hatten in der Analyse ein ebenso stark erhöhtes Risiko wie Adipöse (BMI über 30), allerdings war die Zahl der Untergewichtigen (vor allem bei den Männern) eher gering. Der optimale BMI beträgt 25,3 bei Männern und bei 24,3 bei Frauen. Ein Gewicht an der Grenze zum Übergewicht (25)  scheint demnach günstig zu sein. 

Das wichtigste Ergebnis der Untersuchung ist nach Einschätzung von Erstautor Pischon, dass auch der Taillenumfang ein Risikofaktor ist und zwar unabhängig vom Körpergewicht. Demnach haben auch Normalgewichtige ein erhöhtes Sterberisiko, wenn bei ihnen die abdominale (und wohl auch viszerale) Adipositas besonders stark ausgeprägt ist.

Optimal sind (laut Fig. 1) zwischen 75 und 80 cm bei Frauen und 90 bis 95 cm bei Männern. Jeder Anstieg um 5 cm darüber erhöht das Sterberisiko bei Männern um 17 Prozent und bei Frauen um 13 Prozent. Ähnlich sind die Verhältnisse bei dem Quotienten aus Taille zu Hüftumfang. Jede Zunahme um 0,1 Punkte erhöht das Sterberisiko bei Männern um 34 Prozent und bei Frauen um 24 Prozent. 

Die große Bedeutung der Bauchfetts – mehr als 120 cm bei Männern und 100 cm bei Frauen verdoppelten das Risiko – könnte darauf beruhen, so Pischon, dass das Bauchfett nicht nur ein Energiespeicher sei, sondern auch Botenstoffe produziere, welche die Entwicklung chronischer Erkrankungen fördern.

Hinzu kommt, dass auszehrende Erkrankungen (zum Beispsiel ein nicht erkanntes Malignom), die das Sterberisiko erhöhen, häufig zunächst zu einem Verlust an Muskelmasse führen, während das Fettgewebe geschont wird. In diesem Sinne könnte ein Gewichtsverlust bei Erhalt der “Speckröllchen” durchaus ein Warnsignal sein.

Dieses Missverhältnis kann am ehesten durch die Bestimmung des Taillen-/Hüftumfang-Quotienten erkannt werden. Eine Einschätzung anhand des BMI oder des Taillenumfangs allein sei nicht ausreichend, meint Heiner Boeing, Leiter der Potsdamer EPIC-Studie. © rme/aerzteblatt.de

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