Medizin

EMEA warnt vor Antipsychotika bei Demenzpatienten

Montag, 1. Dezember 2008

London – Nach der US-amerikanischen Food and Drug Adminstration (FDA) gelangt jetzt auch die europäische Zulassungsbehörde European Medicines Agency (EMEA) zu der Erkenntnis, dass die älteren typischen Antipsychotika das Sterberisiko von Demenzpatienten ebenso erhöhen wie die moderneren atypischen Antipsychotika. Eine entsprechende Einschätzung des Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) wurde jetzt auf dem Internetportal der EMEA veröffentlicht.

Die FDA hatte im Juni 2008 für die typischen Antipsychotika den gleichen umrahmten Warnhinweis (Boxed Warning) veranlasst, den die atypischen Antipsychotika bereits seit April 2005 tragen. Sie weisen auf ein erhöhtes Sterberisiko in einer Indikation hin, für welche die Medikamente gar nicht zugelassen sind, nämlich die Behandlung von Psychosen bei Demenzpatienten. Die Off-Label-Therapie ist weit verbreitet, da viele Pflegekräfte, aber auch Angehörige den aggressiven Verhaltensstörungen älterer Demenzpatienten oft hilflos gegenüberstehen. Der Begriff „demenz-bezogene Psychose” ist jedoch dehnbar und Kritiker vermuten seit Jahren, dass häufig primär aus wirtschaftlichen Motiven eine „Ruhigstellung” der Patienten erfolgt. Dass dies nicht nur ethisch höchst bedenklich ist, sondern auch das Leben der Patienten gefährdet, war eine unangenehme Erkenntnis. Sie führte dazu, dass nach 2005 viele Psychiater von den atypischen auf die älteren typischen Antipsychotika wechselten, obwohl diese wegen der extrapyramidalen Störungen weniger gut verträglich sind. Dass eine lebensverkürzende Wirkung der typischen Antipsychotika nicht nachgewiesen ist, bedeutet aber nicht, dass sie nicht vorhanden ist.

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Die Ergebnisse von zwei im letzten Jahr publizierten Beobachtungsstudien waren deshalb nicht unbedingt eine Überraschung. Sudeep Gill vom St. Mary’s of the Lake Hospital in Kingston/Ontario, kam in den Annals of Internal Medicine 2007; 146: 775-786) ebenso wie Sebastian Schneeweiss vom Brigham and Women’s Hospital in Boston im kanadischen Ärzteblatt (CMAJ 2007; 176: 627-632) zu dem Schluss, dass typische Antipsychotika ebenso bedenklich sind wie atypische Antipsychotika. Möglicherweise sei das Sterberisiko sogar noch höher.

Die CHMP schließt sich dieser Bewertung mit Vorbehalten an. Sie stellt (wie die FDA) typische und atypische Antipsychotika auf die gleiche Ebene. Beide Medikamentengruppen scheinen das Sterberisiko zu erhöhen, heißt es in der Stellungnahme. Für ein besonderes Risiko einer der beiden Gruppen oder einzelner Medikamente gebe es keine gesicherten Hinweise. Die CHMP rät den Ärzten, die nationalen Leitlinien zu befolgen und auf das Risiko hinzuweisen. © rme/aerzteblatt.de

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