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Mittwoch, 7. Januar 2009
Impfmüdigkeit in Europa: Masern auf dem Vormarsch

/dpa

Kopenhagen – Deutschland gehört zu den fünf Masernhochburgen in Europa, auf die einer Studie im Lancet (2009; doi: 10.1016/S0140-6736(08)61849-8) zufolge 85 Prozent aller Masernerkrankungen entfallen. Die verbreitete Impfmüdigkeit in der Bevölkerung verhindert, dass das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Europa bis 2010 von den Masern zu befreien, noch erreicht werden kann.

Mark Muscat vom Statens Serum Institut in Kopenhagen hat die Daten des European surveillance network for vaccine-preventable diseases (EUVAC.NET) zu 32 europäischen Ländern ausgewertet, in denen eine Meldepflicht besteht.

In den Jahren 2006 und 2007 wurden 12.132 Erkrankungen registriert. Dass es von 2006 auf 2007 zu einem Rückgang von 8.223 auf 3.909 Masernerkrankungen kam, hat wenig zu bedeuten. Masernepidemien treten zyklisch auf. Schon in der ersten Hälfte des Jahres 2008 haben sich die Zahlen gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2007 verdreifacht.

Bezeichnend ist die enge (inverse) Korrelation zur Impfrate. Die meisten Erkrankungen, nämlich 10.329 (85 Prozent), traten in Rumänien, Großbritannien, der Schweiz, Italien und in Deutschland auf. In diesen Ländern liegt die Impfrate deutlich unter den von der WHO geforderten 95 Prozent.

Am niedrigsten ist die Impfrate in Rumänien. Nach einer Seroprävalenzstudie aus 2002 ist etwa ein Viertel aller Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren empfänglich für Masernviren. Vor allem die Kinder von Sinti und Roma werden selten geimpft, berichten Jacques Kremer und Claude Muller vom Laboratoire National de Santé in Luxemburg, einem Referenzlabor der WHO, im Editorial (Lancet 2009: doi: 10.1016/S0140-6736(08)61849-8). 

Auch in sogenannten gutbürgerlichen Schichten verzichten viele Eltern darauf, ihre Kinder impfen zu lassen. Anthroposophische Gemeinschaften setzen auf „Masernpartys“, um ihre Kinder zu immunisieren. Dies ist ein Grund für die niedrige Impfrate in Deutschland, die etwa bei 70 Prozent liegt – mit starken regionalen Unterschieden.

In der Schweiz werden ebenfalls nur etwa vier von fünf Kindern geimpft, weniger als in Italien, wo die Rate in den letzten Jahren von 85 auf 90 Prozent angestiegen ist. Auch in Großbritannien steigt die Impffreudigkeit, nachdem Studien sich als haltlos erwiesen haben, welche die Impfungen mit autistischen Erkrankungen in Verbindung gebracht hatten.

Zu den schwer zu überzeugenden Bevölkerungsgruppen gehören den Editorialisten zufolge außerdem einige orthodoxe jüdische Gemeinden sowie religiöse Gruppen aus dem „Bibelgürtel” der Niederlande. Hier könnte es schon bald eine neue Epidemie geben.

Eine Folge der niedrigen Impfrate ist, dass die Ausbrüche seltener werden, dann aber häufiger Erwachsene treffen. Ein Fünftel der Masernerkrankungen entfallen nach der Analyse von Muscat auf über 20-Jährige. Bei ihnen verläuft die Erkrankung häufig sehr heftig und es wundert, dass es in den Jahren 2006 und 2007 in der gesamten EUVAC.NET-Region nur sieben Todesfälle gegeben hat, und das, obwohl einige Viren nachweislich aus Ländern mit einer hohen Mortalitätsrate eingeschleppt wurden. Dies könnte der besseren Immunabwehr wohlgenährter Europäer und dem hohen Standard der hiesigen Gesundheitssysteme zu verdanken sein, mutmaßen die Editorialisten.

Der Verzicht auf eine Impfung bleibt aber ein Risiko. Wie leicht die Erkrankungszahlen in die Höhe schnellen, zeigen die Erfahrungen aus der Ukraine (die nicht zur EUVAC.NET gehört). Dort kam es 2005/2006 zu einer großen Masernepidemie mit mehr als 50.000 Erkrankungen. Weitere Epidemien sind zu erwarten, seit die ukrainische Regierung im Mai 2008 die Impfungen ganz einstellte.

Dass sich die Masern mit einer hohen Impfrate besiegen lassen, zeigen die Erfahrungen aus Skandinavien, wo die Rate seit Jahren über 95 Prozent liegt. In Finnland und Island gab es in 2006 und 2007 keinen einzige Masernerkrankung. Auch die Slowenien und Slowakei sind masernfrei. Hier besteht seit Jahren einen Impfpflicht ebenso wie in Ungarn, wo es 2006 nur eine Erkrankung gab. © rme/aerzteblatt.de

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