Medizin

Studie: Früher Wunsch-Kaiserschnitt schadet dem Kind

Donnerstag, 8. Januar 2009

Birmingham – Die verbreitete Sitte, eine elektive Sectio caesarea einige Tage vor dem errechneten Geburtstermin durchzuführen, schadet einigen Neugeborenen, wie eine Studie im New England Journal of Medicine (2009; 360: 111-120) zeigt. 

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Fast jedes dritte Kind wird in den USA per Kaiserschnitt entbunden, wobei die Indikation immer häufiger „Zustand nach früherer Sectio“ lautet. Immer öfter haben es Mutter und Geburtshelfer eilig. Die Mutter möchte ihr Kind so rasch wie möglich sehen, der Geburtshelfer fürchtet die Konkurrenz der Natur und ist deshalb bestrebt, seine Arbeit zu beenden, bevor die Wehen einsetzen. Gelegentlich wird der Termin auch um wenige Tage verschoben, um den Wochenenddienst zu entlasten.

Dem dritten Beteiligten, dem Feten, verschlägt es angesichts dieser Unverfrorenheit nach der Geburt zunächst einmal (buchstäblich) den Atem: Eine transiente Tachypnoe gehört zu den bekannten Komplikationen einer elektiven Frühgeburt. Sie hat ihre Ursache in der noch nicht abgeschlossenen Resorption der Flüssigkeit in den Lungenalveolen, die in den letzten Schwangerschaftswochen erfolgt.

Sie wird – darauf deuten jedenfalls Tierversuche hin – unter der vaginalen Entbindung noch einmal verstärkt. Per Sectio geborene Kinder haben deshalb mehr Flüssigkeit in den Alveolen. Ob dies mehr als akademische Einwände sind, haben Alan Tita und Mitarbeiter von der Universität in Birmingham im US-Staat Alabama anhand des Cesarean Section Registry des Maternal-Fetal Medicine Units Networks untersucht, die das US-National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) eingerichtet hat.

Die Auswertung bezieht sich auf 13.258 elektive Sectiones, von denen 35,8 Prozent vor der 39. Gestationswoche durchgeführt wurden. Medizinische Gründe für die Eile gab es nicht. Die Analyse beschränkte sich auf komplikationslos verlaufene Einzelschwangerschaften. Bezeichnenderweise war der Anteil der frühen Geburten bei Weißen (51 Prozent) und bei privat Versicherten (53 Prozent) besonders hoch. Der schnelle Kaiserschnitt ist demnach ein Eingriff, der besser Verdienenden angeboten wird.

Primärer Endpunkt der Studie war der Composite aus neonatalem Tod oder anderen schweren Komplikationen wie respiratorische Komplikationen, eine behandelte Hypoglykämie, eine Neugeborenen-Sepsis oder eine Behandlung auf einer Intensivstation. Der Endpunkt trat bei acht Prozent der Kinder ein, die in der 39. Woche geboren wurden. Die Rate stieg auf elf Prozent, wenn die Sectio in der 38. Woche erfolgte und auf 15,3 Prozent bei einer Geburt in der 37. Woche.

In der letzten Gruppe hatten die Kinder ein doppelt so hohes perinatales Risiko wie bei einer Geburt in der 39. Woche. Bereits das Vorziehen der Geburt um drei oder vier Tage in die 38. Woche war mit einem signifikanten Anstieg assoziiert. Wenn Geburtshelfer und Schwangere an einer möglichst gefahrlosen Geburt gelegen ist, zählt demnach jeder Tag. Am günstigsten sind die 39. und die 40. Woche. Bei einer späteren Geburt per Sectio steigt nach der Analyse von Tita das Morbiditätsrisiko wieder an.

Der Editorialist Michael Greene vom Massachusetts General Hospital in Boston stimmt den Ergebnissen der Studie zu, weist aber darauf hin, dass sie als Kohortenstudie letztlich nicht beweiskräftig ist (NEJM 2009; 360: 183-184). Dazu wäre eine randomisierte Studie erforderlich, die angesichts des geringen Effekts eine sehr hohe Teilnehmerzahl erfordern würde und deshalb nicht zustande kommen dürfte. © rme/aerzteblatt.de 

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