Medizin

Morbus Alzheimer: Antipsychotika verdoppeln Sterberisiko

Freitag, 9. Januar 2009

London – Die langfristige Behandlung mit Antipsychotika verdoppelte in einer randomisierten Studie das Sterberisiko von Patienten mit Morbus Alzheimer. Die Publikation in Lancet Neurology (2009; doi: 10.1016/S1474-4422(08)70295-3) unterstreicht die Warnungen, welche die US-amerikanische und die europäische Arzneimittelbehörde in letzter Zeit veröffentlicht haben.

Antipsychotika sind eine weit verbreitete Behandlungsmethode bei aggressiven Verhaltensstörungen, zu denen es im Rahmen von Demenzerkrankungen kommt. Nach den im Editorial genannten Zahlen sollen in Europa und Nordamerika zwischen 30 und 60 Prozent aller Alzheimer-Patienten in Pflegeheimen diese Medikamente erhalten, häufig so wird vermutet, ohne zwingenden Grund (Lancet Neurology 2009; doi: 10.1016/S1474-4422(09)70001-8).

Die Wirkung gegen agitierte Verhaltensstörungen ist zumindest kurzfristig gut und durch mindestens 24 placebokontrollierte Studien belegt, in denen die Medikamente in der Regel über 12 bis 24 Wochen eingesetzt wurden. Studien zur langfristigen Wirksamkeit gab es bisher nicht, berichten Clive Ballard vom Wolfson Centre for Age-Related Diseases am King's College in London und Mitarbeiter.

Im Auftrag des britischen Alzheimer Research Trusts führten die Altersforscher deshalb die erste Langzeitstudie zum Einsatz von Antipsychotika bei Demenzpatienten durch. Der Dementia antipsychotic withdrawal trial randomisierte 128 Patienten, bei denen über 12 Monate entweder die frühere Therapie mit Antipsychotika (Thioridazin, Chlorpromazin, Haloperidol, Trifluoperazin oder Risperidon) fortgesetzt oder durch ein Placebo ersetzt wurde.

Am Ende des Behandlungsjahres betrug die kumulative Überlebenswahrscheinlichkeit im Antipsychotika-Arm 70 Prozent, während im Placebo-Arm noch 77 Prozent lebten. Diese noch geringen Unterschiede sollten sich in den beiden Folgejahren massiv verstärken.

Nach 24 Monaten lebten im Antipsychotika-Arm 46 Prozent gegenüber 72 Prozent im Placebo-Arm, nach 36 Monaten waren es 30 Prozent gegenüber 59 Prozent. Im Placebo-Arm war das Sterberisiko demnach nur halb so hoch (Hazard Ratio 0,58; 0,36-0,92) wie unter der Therapie mit Antipsychotika, und da es sich um eine randomisierte Studie handelt, sind systematische Verzerrungen (bias) sehr unwahrscheinlich.

Das Ergebnis der Studie ist nicht ganz überraschend. Bereits in den Kurzzeitstudien war eine erhöhte Zahl von Todesfällen aufgetreten. Eine Meta-Analyse hatte ein zu 50 bis 70 Prozent erhöhtes Mortalitätsrisiko ergeben, was zuerst die US-amerikanische FDA und später auch die europäische EMEA zu Warnungen veranlasst hat.

Nach Auskunft des Alzheimer’s Research Trust lässt die anfangs gute Wirkung der Antipsychotika mit der Zeit oft nach. Dies würde bedeuten, dass den Risiken der Therapie bei vielen Patienten kein Vorteil gegenübersteht. Von den etwa 100.000 Demenzpatienten in Großbritannien könnten 23.500 infolge des Einsatzes von Antipsychotika vorzeitig sterben, hatte der Abgeordnete Paul Burstow im letzten Jahr vorgerechnet. © rme/aerzteblatt.de

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