Vermischtes

Opfer von NS-Zwangssterilisierungen fordern Entschädigung

Freitag, 16. Januar 2009

Berlin – Der Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten (BEZ) hat Entschädigungsleistungen für das erlittene Unrecht während der NS-Zeit verlangt.

BEZ-Geschäftsführerin Margret Hamm beklagte am Freitag in Berlin, die meisten Opfer des vor 75 Jahren in Kraft getretenen ersten Rassengesetzes der Nationalsozialisten – des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ – seien bislang nicht als NS-Verfolgte anerkannt worden und erhielten somit keine Entschädigung. 

Der Bundestag hatte erst 2007 das Gesetz zu einem typischen NS-Unrechtsgesetz erklärt, das mit dem Grundgesetz unvereinbar sei. Der ehemalige SPD-Vorsitzende Hans-Joachim Vogel verlangte am Freitag, ein Entschädigungsgesetz auf den Weg zu bringen.

Dies sei ein „später Akt der Gerechtigkeit, der den Menschen geleistet werden sollte“. Die Betroffenen seien unbestreitbar Opfer des NS-Staates, sagte Vogel, der auch Gründungsvorsitzender des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ ist. 

Nach Hamms Angaben werden auch nach dem Beschluss von 2007 Anträge mit der Begründung zurückgewiesen, dass es sich nicht um „typisches NS-Unrecht“ handle. Die BEZ-Geschäftsführerin plädierte zugleich für die Gründung einer Stiftung, um das Unrecht wissenschaftlich aufzuarbeiten. Nach Angaben des BEZ wurden unter dem NS-Regime mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert und rund 300.000 Menschen Opfer von „Euthanasie-Morden“. 

Die Zahl der heute noch lebenden Betroffenen, die ein Recht auf Entschädigung geltend machen könnten, bezifferte Hamm auf höchstens 20.000. Viele seien sehr alt und lebten in ärmlichen Verhältnissen. Neben der körperlichen „Verstümmelung“ habe das NS-Regime den Betroffenen zudem den Besuch höherer Bildungseinrichtungen oder die Ausübung besserer Berufe verboten. Hamm erinnerte auch an die lebenslang nachwirkenden seelischen Verwundungen. 

Die lange Frist zwischen 1945 und der Bundestagserklärung begründete Vogel auch damit, dass Überlegungen und Forderungen nach Euthanasie und Eugenik schon bis vor 1933 zurückreichten und es auch in anderen Ländern einschlägige Gesetzgebungen gab. Vogel erinnerte zudem an heutige Diskussionen in der Bioethik über eine „Produktionskontrolle“ von Menschen oder den Umgang mit behindertem Leben.

Auch Hamm sieht in der derzeitigen internationalen Diskussion über Euthanasie einen Grund für die Schwierigkeiten, den Anspruch der Opfer auf moralische und finanzielle Entschädigung geltend zu machen. © kna/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Vermischtes

Nachrichten zum Thema

07.11.16
Berlin – Wissenschaftliche Arbeiten, die die Geschichte der Ärzte in der Zeit des Nationalsozialismus aufarbeiten, können nun wieder prämiert werden. Für das Jahr 2017 haben......
31.10.16
Berlin – Die Aufarbeitung der Medizinverbrechen zu Zeiten des Nationalsozialismus ist nach Ansicht von Historiker Dominik Groß noch lange nicht abgeschlossen. „Mit jeder Antwort stellen sich neue......
29.01.14
Berlin – Am 27. Januar eröffnete Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt (SPD), vielen Ärzten noch als Bundesgesundheitsministerin im Gedächtnis, in Berlin die von der Deutschen Gesellschaft für......
15.11.13
Forschungspreis „Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus“ verliehen
Berlin – Heute wurde im Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin der Forschungspreis zur „Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus“ verliehen. Der Preis wurde zum vierten Mal......
09.07.13
NS-Euthanasie: Gedenkort gleich neben der Berliner Philharmonie
Berlin – An der Tiergartenstraße 4 in Berlin wird ein Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde entstehen. Genau an der Stelle jener arisierten Villa, in......
31.10.12
Berlin – Einen neuen gemeinsamen Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus haben die Bundesärztekammer (BÄK), die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und das......
17.08.12
Brandenburg/Havel – Eine „aktive Gedenkstätte“ für Euthanasiemorde der Nationalsozialisten gibt es jetzt auch in der Stadt Brandenburg/Havel. Heute wurde das Museum eröffnet, das auch ein umfassendes......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige