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Schizophrenie und bipolare Störung genetisch verwandt

Freitag, 16. Januar 2009

Stockholm – Schizophrenie und bipolare Störung, die beiden häufigsten psychotischen Erkrankungen, haben gemeinsame genetische Wurzeln. Dies zeigt eine bevölkerungsbasierte Studie im Lancet (2009; 373: 234-239). Ein Editorialist betrachtet die grundsätzliche Unterscheidung beider Erkrankungen für überholt.

Sowohl das Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV) der American Psychiatric Association als auch die International Classification of Diseases (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation trennen klar zwischen Schizophrenie und bipolarer Störung.

Diese strenge Dichotomie geht auf den deutschen Psychiater Emil Kraepelin (1856 bis 1926) zurück, der die Erkrankungen noch als “Dementia praecox” und als “manisch-depressives Irresein” bezeichnete.

Klinisch war die Unterscheidung sinnvoll, da die Schizophrenie in der natürlichen Verlaufsform zu einem fortschreitenden Verfall der mentalen Fähigkeiten führt, während die bipolare Störung einen rezidivierenden Verlauf nimmt. Dennoch könnten die beiden Psychosen zwei Varianten der gleichen Grunderkrankungen sein, wofür die jetzt durchgeführte Untersuchung, die größte ihrer Art, spricht. 

Paul Lichtenstein vom Karolinska Institut in Stockholm hat die Daten von zwei Millionen schwedischer Familien ausgewertet. Darunter waren 35.985 Patienten mit einer Schizophrenie und 40.487 Patienten mit einer bipolaren Störung. Beide Erkrankungen treten familiär gehäuft auf.

Kinder oder Geschwister von Schizophreniepatienten haben gegenüber der Allgemeinbevölkerung ein 9,9- bzw. 9,0-fach erhöhtes Risiko ebenfalls an einer Schizophrenie zu erkranken. Bei der bipolaren Störung ist das Erkrankungsrisiko der nahen Verwandten um den Faktor 6,4 beziehungsweise 7,9 erhöht. Die Kinder und Geschwister von Schizophrenie-Patienten erkranken jedoch auch 5,2- beziehungsweise 3,7-fach häufiger an einer bipolaren Störung.

Umgekehrt haben Kinder und Geschwister von Patienten mit bipolarer Störung ein um den Faktor 2,4 beziehungsweise 3,9 erhöhtes Risiko auf eine Schizophrenie. Die gegenseitige familiäre Prädisposition war auch bei Halbgeschwistern und bei adoptierten Kindern (gegenüber den biologischen Eltern) nachweisbar.

Lichtenstein kommt zu dem Ergebnis, das die Schizophrenie zu 64 Prozent und die bipolare Störung zu 59 Prozent erblich bedingt ist. Die Komorbidität ist nach seinen Berechnungen zu 63 Prozent genetisch zu erklären. 

Sowohl die American Psychiatric Association als auch die Weltgesundheitsorganisation überarbeiten derzeit ihre Klassifikationen. Es bleibt abzuwarten, ob die Ergebnisse der jetzigen Studien Einfluss auf die Ausgestaltung von DSM-V und ICD-10 nehmen werden, wie dies Michael Owen von der Cardiff University in einem Editorial anregt (Lancet 2009; 373: 190-191). © rme/aerzteblatt.de

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