Trockene Luft begünstigt Grippe
Sonntag, 15. Februar 2009
Portland – Nicht die feuchte Kälte, die in die Knochen kriecht, nicht die dunkle Jahreszeit, die die Abwehrbereitschaft des Immunsystems schwächt, machen den Menschen im Winter anfällig für die Grippe. Nach einer Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2009, doi: 10.1073/pnas.0806852106) fördert vor allem eine niedrige absolute Luftfeuchtigkeit die Ausbreitung der Influenzaviren.
Dass die Grippewelle regelmäßig im Winter einsetzt, wird von Forschern schon seit längerem mit der niedrigen Luftfeuchtigkeit in Verbindung gebracht. Doch die Ergebnisse der Studien waren niemals eindeutig.
Dies könnte am fehlenden meteorologischen Sachverstand der Grippeforscher liegen, glaubt Jeffrey Shaman vom College of Oceanic and Atmospheric Sciences in Portland im US-Staat Oregon. Diese würden meistens die relative Luftfeuchtigkeit zum Gradmesser ihrer Untersuchungen machen, ein – wie Shamann – erläutert sehr ungenaues Maß für die Wasserkonzentration in der Luft.
Es ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied: Die relative Luftfeuchtigkeit beschreibt den Anteil der Flüssigkeit in der Luft im Verhältnis zur Sättigung. Die Sättigung steigt jedoch mit der Temperatur an. In einem 25° Grad warmen Zimmer ist bei 75 Prozent Luftfeuchtigkeit bedeutend mehr Wasser in der Luft enthalten als bei 5° Grad und 75 Prozent Luftfeuchtigkeit.
Zunächst hat Shamann die Versuchsergebnisse neu berechnet, die Peter Palese von der Mount Sinai School of Medicine in New York City und Mitarbeiter vor zwei Jahren in PLoS Pathogens (2007; 3: e151) publiziert haben. Die Forscher hatten in einer Klimakammer die Übertragung von Influenzaviren unter Meerschweinchen untersucht.
Unter den etwa 20 verschiedenen Kombinationen von Temperatur und relativer Luftfeuchtigkeit, begünstigten trockene und kalte Luft die Infektionen am meisten. Unter Verwendung der relativen Luftfeuchtigkeit waren die Unterschiede jedoch nur marginal signifikant.
Der rechnerische Anteil der relativen Luftfeuchtigkeit an der Übertragbarkeit (influenza virus transmission, IVT) betrug nur 12 Prozent, zu wenig um zu erklären, warum die Grippewellen regelmäßig im Winter auftreten. Auch der Einfluss der relativen Luftfeuchtigkeit an dem Überlebenszeit der Viren (influenza virus survival (IVS) war mit 36 Prozent gering.
Dennoch schien es eine Verbindung zu geben. Shaman stieß bei seiner Arbeit auf eine Reihe weiterer Studien, die bis in die 1940er-Jahre zurückdatierten. Alle hatten die Trockenheit der Luft mit der Übertragbarkeit der Viren in Verbindung gebracht.
Der Meteorologe führte die Berechnungen Paleses neu durch, dieses Mal unter Berücksichtigung der absoluten Luftfeuchtigkeit. Ergebnis: Der absolute Wassergehalt der Luft war jetzt für 50 Prozent der Variabilität der IVT und 90 Prozent der Variabilität der IVS in den Versuchsergebnissen verantwortlich. Mit anderen Worten: Trockene Luft ist die wichtigste Ursache für die Ausbreitung der Grippeviren.
Dies mögen viele Menschen nicht glauben, erscheint ihnen doch die Luft in den Wintermonaten eher feuchter als im Sommer zu sein. Das ist laut Shamann jedoch ein Trugschluss. An einem typischen schönen Sommertag enthalte die Luft zwei bis viermal doppelt so viel Flüssigkeit wie im Winter, selbst wenn es dann nasskalt ist oder sogar regnet. © rme/aerzteblatt.de
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