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Studie: Betablocker löscht schmerzhafte Erinnerungen

Dienstag, 17. Februar 2009

Amsterdam – Der als Antihypertonikum eingesetzte Betablocker Propanolol hat in einem Experiment klinischer Psychologen in Nature Neuroscience (2009: doi:10.1038/nn.2271) verhindert, dass sich schmerzhafte Erinnerungen im Gehirn festsetzen. Die Befunde könnten für Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD) oder Phobien interessant sein.

Die meisten Menschen erinnern sich bevorzugt an Ereignisse, die mit Stresssituationen verbunden waren. Bei älteren Menschen sind dies Kriegsszenen, bei jüngeren vielleicht Unfälle oder andere Lebenskrisen oder einfach nur besondere Schrecksituationen, wie der unverhoffte Anblick von Spinnen.

Die Psychologen vermuten, dass das Stresshormon Adrenalin die Fixierung im Gedächtnis, die Konsolidierung, fördert, die häufig im auf das Ereignis folgenden Schlaf erfolgt. Manche Erlebnisse sind so negativ besetzt, dass das Erinnern erneut eine Stressreaktion auslöst.

Diese „Rekonsolidierung“ verfestigt die unerwünschte Erinnerung. Die Folge kann nach echten Traumata ein PTSD sein oder nach schreckhaften, aber ungefährlichen Erlebnissen eine Phobie. 

Die Psychologin Merel Kindt von der Universität Amsterdam hat aus diesen pathogenetischen Überlegungen heraus eine Therapie abgeleitet, die sie in einem Experiment untersucht hat. Zunächst wurden einige Probanden auf eine Spinnenphobie konditioniert.

Dazu wurde ihnen immer dann ein harmloser, aber unangenehmer Stromschlag versetzt, wenn sie Bilder von besonders furchterregenden Exemplaren der langfüßigen Spinnentiere betrachteten.

Während dieser Phase der Konsolidierung erhielten die Probanden keine Medikamente. Am nächsten Tag wurden ihnen die gleichen Bilder noch einmal gezeigt. An der Mimik der Augenbewegungen konnten die Forscher ablesen, dass die Stromstöße die Konsolidierung der Erinnerung gefördert hatten.

Vor dem erneuten Betrachten der Bilder hatte ein Teil der Probanden eine Tablette mit Propanolol, die anderen ein Placebo erhalten. Beide Gruppen zeigten keine Unterschiede in der Mimik der Augenbewegungen, mit der die Forscher die Angstreaktion registrierten. Dies war auch nicht zu erwarten, denn die Phase der Gedächtniskonsolidierung war in beiden Gruppen gleich gewesen.

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Die Unterschiede bei der Rekonsolidierung wurden am dritten Tag offenbar, als den Probanden erneut die Spinnenbilder gezeigt wurden. Dieses Mal reagierten die Probanden, die am zweiten Tag mit Propanolol behandelt worden waren, gelassener als die Teilnehmer der Placebo-Gruppe, obwohl zum Zeitpunkt der Experimente, also am dritten Tag, der Wirkstoff Propanolol längst wieder aus dem Körper verschwunden war. 

Der Betablocker könnte deshalb als Mittel zu einer „Dekonsolidierung“ von Gedächtnisinhalten bei allen Menschen eingesetzt werden, deren Erinnerungen eine Stressreaktionen auslöst, die das Gedächtnis verstärkt und so zur Ursache einer posttraumatischen Stressreaktion (PTSD) oder einer Phobie wird.

Im letzten Jahr hatte die Gruppe um Roger Pitman von der Harvard Universität in Boston dies in einer kleinen randomisierten Studie an 19 Patienten mit PTSD erprobt. Sie wurden mit Propanolol oder Placebo behandelt, während sie zum ersten Mal auf ihre traumatischen Erlebnisse angesprochen wurden, was eine starke Stressreaktion auslöste.

Bei der nächsten Sitzung eine Woche später waren die Reaktionen des autonomen Nervensystems (Herzrate, Hautleitfähigkeit und Elektromyogramm der mimischen Augenmuskeln) bereits abgeschwächt (J Psychiatr Res 2008; 42: 503-6).

Ob diese Besserungen von Dauer sind, ist unklar und dürfte wohl bald Gegenstand von größeren randomisierten Studien sein, sofern diese nicht am Widerspruch von Bioethikern scheitern.

Die Erinnerungsfähigkeit gehört sicherlich zu den menschlichen Eigenschaften, mit denen sehr verantwortungsvoll umgegangen werden muss. Patienten mit PTSD oder Phobien würden es allerdings kaum verstehen, wenn man ihnen eine einfache und wirksame Therapie vorenthielte. © rme/aerzteblatt.de

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