Medizin

Studie: Gentherapie gegen HIV prinzipiell möglich

Montag, 16. Februar 2009

Modell eines HI-Virus

Los Angeles – Eine Gentherapie kann CD4-Zellen vor einem Angriff durch das HI-Virus schützen und das Immunsystem stabilisieren. Die Wirkung waren in einer randomisierten klinischen Studie (Nature Medicine 2009; doi:10.1038/nm.1932) jedoch (noch) viel zu schwach für eine breitere klinische Anwendung zum derzeitigen Zeitpunkt.

Für die Gentherapie wurde den 74 HIV-infizierten Teilnehmern der Studie zunächst Knochenmark entnommen. Daraus isolierten die Forscher jene CD34-positiven Zellen, die als Stammzellen Vorläufer der CD4-Zellen sind. Die CD34-Zellen wurden dann im Labor – mit Hilfe eines Virus – bei einem Teil der Teilnehmer mit einem zusätzlichen Gen versehen. Bei den anderen Teilnehmern erfolgte eine Scheinbehandlung. 

Das therapeutische Gen enthält die genetische Information für das Ribozym OZ1. Ribozyme sind molekulare Scheren, die bestimmte Gene zerschneiden und dadurch inaktivieren. In diesem Fall zerstörte OZ1 das tat-Gen des HIV-Virus, das für die Virusreplikation in den CD4-Zellen benötigt wird.

Nach der Gentherapie (oder der Scheinbehandlung) wurden die CD34-Zellen den HIV-Infizierten wieder infundiert. Dies geschieht in der Hoffnung, dass die aus ihnen entstehenden CD4-Zellen widerstandsfähig gegen HIV sind und die Integrität des Immunsystems erhalten bleibt.

Dies scheint jetzt in der ersten randomisierten Studie geglückt zu sein – wenn auch mit erheblichen Abstrichen. In den ersten Monaten hatte die Gentherapie keine Auswirkungen auf den Verlauf der HIV-Therapie, wie Ronald Mitsuyasu vom Aids Institute der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) und Mitarbeiter berichten.

Die Konzentration der HI-Viren im Blut waren – gemessen an einer temporären Unterbrechung der antiretroviralen Therapie – nicht niedriger als im Placebo-Arm der Studie. Erst ab der 40. Woche zeichnete sich eine signifikante Abnahme der Viruslast ab.

Die Zahl der CD4-Zellen war im Gentherapie-Arm jedoch während der gesamten 100 Wochen der Studie höher als im Placebo-Arm (gegen Ende soll es dann zu einem Absinken der CD4-Zellen gekommen sein). Die Verträglichkeit wird als gut beschrieben. Spezifische Nebenwirkungen der Gentherapie will die Gruppe um Mitsuyasu nicht beobachtet haben. 

Die Ergebnisse dürften deshalb vorerst nur Ausgangspunkt für weitere Experimente sein. Für eine klinische Anwendung waren die Effekte viel zu gering. Ein Ersatz für die dauerhafte antiretrovirale Therapie stellt die Gentherapie nicht dar.

Die Forschung dürfte in Richtung einer Kombination der Gentherapie mit einer Knochenmarksablation gehen, was allerdings riskant ist und deshalb ethisch sehr fragwürdig, solange die Patienten auch mit antiretroviralen Medikamenten zu befriedigenden Therapieergebnissen kommen.

Dass eine Stammzelltherapie die HIV-Infektion heilen kann, hatten Gero Hütter von der Berliner Charité  –  wenn auch in einer anderen Konstellation – kürzlich in einem spektakulären Einzelfall zeigen können. Ein 40-jähriger HIV-Patient hatte aufgrund einer rezidivierenden akuten myeloischen Leukämie eine allogene Stammzelltherapie erhalten.

Zufälligerweise war der Spender Träger einer Mutation im CCR5-Gen, das die CD4-Zellen resistent gegen eine HIV-Infektion macht. Der Patient ist seit nunmehr 20 Monaten virusfrei und damit aller Voraussicht nach von seiner HIV-Infektion geheilt (NEJM 2009; 360: 692-698).

Wegen der erheblichen Risiken kommt diese Stammzelltherapie derzeit nicht infrage. Sie dürfte jedoch Ausgangspunkt für weitere Experimente sein, wie Jay Levy von der Universität von Südkalifornien in San Francisco in einem Editorial ausführt (NEJM 2009; 360: 724-725). © rme/aerzteblatt.de

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