Modafinil: Cognitive Enhancer mit Abhängigkeitspotenzial
Montag, 23. März 2009
Bethesda – Modafinil, ein zur Behandlung der Narkolepsie zugelassenes Psychostimulans, wird zunehmend als „Cognitive Enhancer“ zur Steigerung der Hirnleistung missbräuchlich verwendet. Das Abhängigkeitspotenzial könnte nach einer Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2009; 301: 1148-1154) höher sein als bisher angenommen.
Im April letzten Jahres veröffentlichte Nature (2008; 452: 674-675) eine auch hierzulande von den Medien vielbeachtete Umfrage. Danach gaben 20 Prozent der Leser – in der Regel hochqualifizierte Wissenschaftler – an, schon einmal Substanzen zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit eingenommen zu haben.
Gemeint waren aber nicht etwa Koffein oder Nikotin, sondern verschreibungspflichtige Medikamente mit den Wirkstoffen Methylphenidat (Ritalin®), Modafinil oder auch Betablocker. Diese drei Wirkstoff(gruppen) gelten, im Gegensatz zu Amphetaminen und der Droge Kokain, die ebenfalls die Vigilanz steigern, als sicher. Zumindest für Modafinil sind hieran Zweifel erlaubt.
Sie betreffen den Wirkmechanismus des Psychostimulans, der nicht genau bekannt ist. Die Forscher vermuteten bisher, dass Modafinil auf verschiedene Hormone und Neurotransmitter wirkt wie Hypocretin, Histamin, Noradrenalin, Gamma-Aminobuttersäure und Glutamat, nicht aber auf Dopamin. Dies ist wichtig, da Dopamin der zentrale Neurotransmitter für das Belohnungssystem im Gehirn ist und damit eine wichtige Triebfeder für eine Abhängigkeit.
Die pharmakologische Unbedenklichkeitsbescheinigung für Modafinil wurde erstmals vor zwei Jahren bezeifelt. Damals kam in Tierversuchen heraus, dass die Wirkung von Modafinil bei Nagern ausbleibt, denen Dopamintransporter oder Dopaminrezeptoren fehlen.
Jetzt können Nora Volkow vom US-National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism in Bethesda und Mitarbeiter zeigen, dass Modafinil auch beim Menschen einen Einfluss auf den Neurotransmitter Dopamin hat. Mittels Positronenemissionstomografie wurde der Einfluss von Modafinil auf die extrazelluläre Dopaminkonzentration und den Dopamintransporter in die Neuronen hinein bei 10 gesunden Männern im Alter von 23 bis 46 Jahren untersucht.
Die Probanden wurden entweder mit Placebo oder mit Modafinil behandelt und zwar einmal in der Dosis von 200 mg, die für die Behandlung der Narkolepsie empfohlen wird, und dann in der Dosis von 400 mg, wie sie in der Off-label-Therapie des Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS verbreitet ist.
In beiden Dosierungen erhöhte Modafinil die Dopaminkonzentration, vermutlich indem es einen Dopamintransporter blockierte. Ein Anstieg der Dopaminkonzentration wurde auch im Nukleus accumbens festgestellt, dem Wissenschaftler eine besondere Bedeutung im Belohnungssystem zuschreiben.
Eine Studie an zehn Probanden im Labor kann zwar nicht vorhersagen, ob die Einnahme von Modafinil als Lifestyle-Droge zur Abhängigkeit führt und welche Folgen dies für den Organismus hat. Da der Einsatz aber off label erfolgt und keine klinischen Studien durchgeführt werden, wird diese Frage wohl erst beantwortet werden, wenn die ersten Anwender sich wegen gesundheitlicher Folgen in Behandlung begeben.
Modafinil wurde 1998 in Deutschland als Vigil® zur Behandlung der Narkolepsie eingeführt. Es war zunächst betäubungsmittelpflichtig, wurde aber im Juli 2008 in die normale Verschreibungspflicht überführt, was eine missbräuchliche Verwendung wohl erleichtern dürfte.
Modafinil wird im DAK-Gesundheitsreport 2009 jedenfalls als eine der Substanzen genannt, die Angestellte in Deutschland mit der Absicht einsetzen, ihre Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz zu erhöhen. Seit 2004 steht Modafinil auch auf der Dopingliste der Substanzen, die Leistungssportler nicht einnehmen dürfen. © rme/aerzteblatt.de
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