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Modafinil: Cognitive Enhancer mit Abhängigkeitspotenzial

Mittwoch, 18. März 2009

Bethesda – Modafinil, ein zur Behandlung der Narkolepsie zugelassenes Psychostimulans, wird zunehmend als „Cognitive Enhancer“ zur Steigerung der Hirnleistung missbräuchlich verwendet. Das Abhängigkeitspotenzial könnte nach einer Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2009; 301: 1148-1154) höher sein als bisher angenommen.

Im April letzten Jahres veröffentlichte Nature (2008; 452: 674-675) eine auch hierzulande von den Medien vielbeachtete Umfrage. Danach gaben 20 Prozent der Leser – in der Regel hochqualifizierte Wissenschaftler – an, schon einmal Substanzen zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit eingenommen zu haben.

Gemeint waren aber nicht etwa Koffein oder Nikotin, sondern verschreibungspflichtige Medikamente mit den Wirkstoffen Methylphenidat (Ritalin®), Modafinil oder auch Betablocker. Diese drei Wirkstoff(gruppen) gelten, im Gegensatz zu Amphetaminen und der Droge Kokain, die ebenfalls die Vigilanz steigern, als sicher. Zumindest für Modafinil sind hieran Zweifel erlaubt.

Sie betreffen den Wirkmechanismus des Psychostimulans, der nicht genau bekannt ist. Die Forscher vermuteten bisher, dass Modafinil auf verschiedene Hormone und Neurotransmitter wirkt wie Hypocretin, Histamin, Noradrenalin, Gamma-Aminobuttersäure und Glutamat, nicht aber auf Dopamin. Dies ist wichtig, da Dopamin der zentrale Neurotransmitter für das Belohnungssystem im Gehirn ist und damit eine wichtige Triebfeder für eine Abhängigkeit. 

Die pharmakologische Unbedenklichkeitsbescheinigung für Modafinil wurde erstmals vor zwei Jahren bezeifelt. Damals kam in Tierversuchen heraus, dass die Wirkung von Modafinil bei Nagern ausbleibt, denen Dopamintransporter oder Dopaminrezeptoren fehlen.

Jetzt können Nora Volkow vom US-National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism in Bethesda und Mitarbeiter zeigen, dass Modafinil auch beim Menschen einen Einfluss auf den Neurotransmitter Dopamin hat. Mittels Positronenemissionstomografie wurde der Einfluss von Modafinil auf die extrazelluläre Dopaminkonzentration und den Dopamintransporter in die Neuronen hinein bei 10 gesunden Männern im Alter von 23 bis 46 Jahren untersucht.

Die Probanden wurden entweder mit Placebo oder mit Modafinil behandelt und zwar einmal in der Dosis von 200 mg, die für die Behandlung der Narkolepsie empfohlen wird, und dann in der Dosis von 400 mg, wie sie in der Off-label-Therapie des Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS verbreitet ist.

In beiden Dosierungen erhöhte Modafinil die Dopaminkonzentration, vermutlich indem es einen Dopamintransporter blockierte. Ein Anstieg der Dopaminkonzentration wurde auch im Nukleus accumbens festgestellt, dem Wissenschaftler eine besondere Bedeutung im Belohnungssystem zuschreiben.

Eine Studie an zehn Probanden im Labor kann zwar nicht vorhersagen, ob die Einnahme von Modafinil als Lifestyle-Droge zur Abhängigkeit führt und welche Folgen dies für den Organismus hat. Da der Einsatz aber off label erfolgt und keine klinischen Studien durchgeführt werden, wird diese Frage wohl erst beantwortet werden, wenn die ersten Anwender sich wegen gesundheitlicher Folgen in Behandlung begeben.

Modafinil wurde 1998 in Deutschland als Vigil® zur Behandlung der Narkolepsie eingeführt. Es war zunächst betäubungsmittelpflichtig, wurde aber im Juli 2008 in die normale Verschreibungspflicht überführt, was eine missbräuchliche Verwendung wohl erleichtern dürfte.

Modafinil wird im DAK-Gesundheitsreport 2009 jedenfalls als eine der Substanzen genannt, die Angestellte in Deutschland mit der Absicht einsetzen, ihre Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz zu erhöhen. Seit 2004 steht Modafinil auch auf der Dopingliste der Substanzen, die Leistungssportler nicht einnehmen dürfen. © rme/aerzteblatt.de

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adonis
am Donnerstag, 28. Oktober 2010, 08:02

Wie immer und überall

Parallelen finden sich zu Depressionen, ADHD. Letztlich versauen die Pharmafirmen die Therapie für Patienten mit seltenen Erkrankungen. Wenn man der Pharmaindustrie glaubt haben 40 Prozent der Patienten einer Allgemeinpraxis ADHD, 40 Prozent eine Depression, 20 Prozent eine isolierte Angststörung und alle müssen selbstverständlich mit Medikamenten behandelt werden. Das Problem liegt in der Verwässerung der Diagnose um möglichst viele Patienten, die guten Medikamente zu verschreiben.
Was sind die Konsequenzen: 1. Dass viel zu viele Patienten Medikamente bekommen, die sie gar nicht brauchen. 2. Dass es wirklich Patienten gibt die wir iatrogen abhängig machen 3. Dass Patienten, die wirklich an der Erkrankung leiden stigmatisiert werden, oder ihre Behandlung nicht erhalten. Und das ist äusserst bedenklich.
Narkolepsie ist sicherlich nicht leicht zu diagnostizieren und selten. Aber extrem behindernd für den einzelnen Patienten. Man darf den Teufel nicht mit dem Bezebul austreiben und man muss einen angemessenen Weg für die Patienten finden.
sechserfreak
am Donnerstag, 28. Oktober 2010, 00:54

Vigil...

Für mich als Mensch mit Narkolepsie ist es völlig unverständlich, was hier passiert. Ich bin direkt betroffen von der negativen Presse - nach einem Wohnsitz-/Artzwechsel verschreibt mir mein neuer Neurologe das Medikament nicht. Die Aussagen, welche er hierzu machte, decken sich fast zu 100% mit dem, was im ärzteblatt steht.
Nur mit einem Haken: ich ehme Vigil seit ca. 7 Jahren. Nebenwirkungen: keine.
Wirkung: die beste aller bisher verschriebenen Medikamente.
Warum soll ich ein Medikament nicht mehr nehmen dürfen, das bei mir KEINE nachweislichen Negativwirkungen hat?! Endlich bin ich mal über mehrere Stunden halbwegs zuverlässig wach, kan Auto fahren, vorm PC sitzen, lesen, oder mal über mehrere Stunden etwas mit meinen Kindern unternehmen, ohne nach nem Platz für ein Nickerchen suchen zu müssen!
Und dann - wird mir dieses hilfreiche Medikament verweigert.
Ich könnte ausflippen!
Sicher reagieren gaz viele Menschen ganz verschieden auf Medikamente - aber warum etwas absetzen, was nachweislich hilft?
Narkoleptiker
am Samstag, 21. März 2009, 00:01

unglückliche Entwicklung

Das Modafinil aus der Beschränkung des BTMG herausgenommen wurde, war mir absolut unverständlich. Dieses Präparat gehört nicht in die falschen Hände. Dafür ist es für Patient/innen mit Narkolepsie z.B. einfach zu wertvoll und als Anwender weiß ich, was es für Wirkungen hat.

Die Frage ist, wie kann diese Entwicklung gestoppt werden?

Abhängigkeit konnte ich bei mir nicht beobachten... Gut. Jeder Organismus reagiert anders.

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