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„Babyspeck“ hält Erwachsene schlank

Donnerstag, 9. April 2009

Boston/Maastricht/Göteborg – Anders als bisher angenommen, ist das braune Fettgewebe, das Säuglinge warm hält („Babyspeck”), auch im Erwachsenenalter metabolisch aktiv. Bei schlanken Menschen und nach Kälteexposition nimmt es an der Thermoregulation teil, wie drei Forschergruppen im New England Journal of Medicine (NEJM 2009; 360: 1500-1525) berichten.

Säuglinge besitzen vor allem an Hals und Brust braunes Fettgewebe. Seine Farbe in histologischen Präparaten verdankt es dem hohen Gehalt an Mitochondrien, genauer den eisenhaltigen Cytochromen, die in den „Kraftwerken der Zelle“ für die Energieproduktion benötigt werden.

Im brauen Fettgewebe entsteht vor allem Wärmeenergie, welches die Temperaturregulation des Säuglings unterstützt, der bedingt durch ein ungünstiges Verhältnis von Körperoberfläche zum –volumen sonst schnell auskühlen würde. 

Zwar war bekannt, dass braunes Fettgewebe auch beim Erwachsenen existiert, es wurde aber mehr oder weniger als Relikt ohne physiologische Bedeutung betrachtet. Dass dies ein Irrtum ist, konnte erst durch die Kombination zweier bildgebender Verfahren gezeigt werden.

Die Forschergruppen aus den Niederlanden, Schweden und den USA führten zum einen eine Positronen-Emissions-Tomographie (PET) durch. Nach Injektion radioaktiv markierter Glukose (18F-Fluorodeoxyglucose, 18F-FDG) zeigten die PET-Aufnahmen, das vor allem am Hals und angrenzenden Regionen Zellen metabolisch aktiv sind, die durch das zweite Untersuchungsverfahren, die Computertomografie (CT) eindeutig als Bestandteil des Fettgewebes identifiziert wurden.

Die meisten Personen hat das Team um den Endokrinologen Ronald Kahn vom Joslin Diabetes Center in Boston untersucht. Die Forscher sichteten fast 2.000 PET/CT-Scans. Sie wiesen aktives braunes Fettgewebe in einer Region nach, die vom vorderen Hals bis zum Thorax reicht. Insgesamt 7,5 Prozent der Frauen und 3,1 Prozent der Männer verfügten über stoffwechselaktives braunes Fettgewebe. Bei Frauen war die Menge größer und nach der Aufnahme von 18F-FDG zu schließen, waren die Zellen auch stoffwechselaktiver als bei Männern. 

Erwartungsgemäß nahm bei beiden Geschlechtern die Menge des aktiven brauen Fettgewebes im Alter ab. Es bestand allerdings auch eine inverse Korrelation mit dem Body-Mass-Index und interessanterweise mit der Einnahme von Betablockern: Bei Übergewichtigen könnte das braune Fettgewebe sich zurückbilden, da es aufgrund der größeren “Isolationsschicht” durch peripheres Fettgewebe nicht mehr benötigt wird.

Inwiefern die Einnahme von Betablockern an der Zunahme des Körpergewichts beteiligt ist, dürfte Gegenstand weiterer Studien sein. Neu ist die Hypothese nicht. Nach einer Publikation in Hypertension (2001; 37: 250-4) scheint es zumindest in der Anfangsphase der Therapie zu einer Gewichtszunahme zu kommen. 

Auch Wouter van Marken Lichtenbelt und Mitarbeiter der Universität Maastricht haben bei 24 Probanden, die sie eigens zu diesem Zweck untersuchten, stoffwechselaktives braunes Fettgewebe nachgewiesen. Auch in dieser Studie hatten schlanke Personen mehr braunes Fettgewebe als übergewichtige.

Die Forscher wiederholten die Untersuchung, nachdem die Probanden zwei Stunden in einem 16°C kaltem Raum gesessen hatten. Dies hatte eine deutliche Steigerung der Thermogenese im braunen Fettgewebe zur Folge. Nach der Kälteexposition wurde bei 23 von 24 Probanden aktives braunes Fettgewebe nachgewiesen. Eine leichte Unterkühlung könnte demnach eine, wenn auch sicherlich nicht sehr beliebte Methode sein, das Körpergewicht zu senken. 

In der dritten Studie hat die Gruppe um Sven Enerbäck von der Universität Göteborg bei 15 Probanden Biopsien des braunen Fettgewebes entnommen und genetisch untersucht. Sie konnten Messenger-RNA des „uncoupling protein 1“ (UCP1) nachweisen, das in den Mitochondrien die Thermogenese „anschaltet“. Die Kraftwerke stellen dann nicht mehr den Energieträger ATP, sondern nur noch Wärme her. Die Studie ist ein weiterer Beweis dafür, dass das braune Fettgewebe auch beim Erwachsenen noch Wärme produzieren kann. 

Ob die Erkenntnisse neue Perspektiven für die Therapie der Adipositas eröffnen, bleibt abzuwarten. Eine einfache Methode wäre natürlich, Wohnungen und Büros weniger zu heizen, was nicht auf viel Gegenliebe stoßen würde (vor allen nicht bei den nicht adipösen Mitmenschen). Die Forschung dürfte deshalb eher nach medikamentösen Möglichkeiten suchen, die Thermogenese im braunen Fettgewebe bei Bedarf anzustellen. © rme/aerzteblatt.de

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