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Mentale Retardierung auf dem X-Chromosom

Montag, 20. April 2009

Cambridge – Das X-Chromosom ist offenbar ein Ort der genetischen Gegensätze. Einerseits kann der Ausfall einzelner Gene zu einer schweren mentalen Retardierung führen, andererseits scheinen nach einer neuen Studie in Nature Genetics (2009;doi: 10.1038/ng.367) selbst größere Lücken im Chromosom ohne spürbare Folgen zu bleiben.

Etwa drei Prozent der Bevölkerung weisen schwere Lernstörungen auf, die als mentale Retardierung bezeichnet werden. Etwa ein Drittel dieser Störungen sind genetisch bedingt und viele der ursächlichen Gene werden auf dem X-Chromosom vermutet. In der Vergangenheit wurden bereits mehrere der verantwortlichen Gendefekte beschrieben.

Die übrigen wollte jetzt ein Team aus 70 Wissenschaftlern aus allen Teilen der Welt (deutsche Beteiligung: MPI für molekulare Genetik, Berlin) finden. Die Gruppe um Andrew Futreal und Michael Stratton vom Wellcome Trust Sanger Institute in Hinxton bei Cambridge führte das nach eigener Aussage bisher größte genetische Massenscreening durch. 

Bei Mitgliedern von 208 Familien mit X-Chromosomaler Mentaler Retardierung (XLMR) wurden fast alle bekannten Exone sequenziert. Exone sind Abschnitte der DNA, die nachweislich Proteine kodieren. Bisher gingen die Forscher davon aus, dass diese Proteine für den Stoffwechsel von Bedeutung sind.

Zu ihrer Überraschung stellten die Forscher jedoch fest, dass etwa ein bis zwei Prozent diese sinnstiftenden Abschnitte des X-Chromosoms fehlen können, ohne dass dies einen erkennbaren Einfluss auf den Phänotyp hat. Personen mit Defekten in diesen Bereichen sind äußerlich völlig normal, berichten die Genetiker. Sie warnen vor einem zu oberflächlichen Blick auf das Genom.

Der bloße Nachweis eines genetischen Unterschieds bedeute noch lange nicht, dass sich dahinter auch ein substanzieller Unterschied verberge, schreiben sie vielleicht mit einem Seitenhieb auf die Flut der genomweiten Assoziationsstudien, die Varianten im Genom bestimmten Krankheiten zuordnen, oft ohne zu wissen, welche Proteine dort kodiert sind und welche Eigenschaften sie haben.

Neben diesen Genen ohne Bedeutung stießen die Forscher jedoch auf neun weitere Gene, in denen Defekte schwerwiegende Folgen für die Entwicklung intellektueller Eigenschaften haben. Die neuen Erkenntnisse bedeuten, dass die humangenetische Beratung von Familien mit mentaler Retardierung verbessert werden kann. Umfassend wird sie nach Auskunft der Genetiker auch jetzt nicht sein. Sie vermuten weitere seltene Gendefekte, die aufzuspüren aber mit immer höheren Kosten verbunden sein wird. © rme/aerzteblatt.de

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