| dpa |
Genf/Atlanta/Berlin – Kirchen blieben geschlossen, Profifußballer kickten vor leeren Rängen, Polizisten verteilten Gesichtsmasken. Eine in ihrer Bedeutung schwer einzuschätzende Erkrankungswelle in Mexiko hat am Wochenende weltweit die Gesundheitsbehörden beunruhigt.
Die Medien verunsicherten die Bevölkerung. In den USA wurde sogar ein nationaler Gesundheitsalarm ausgelöst, obwohl dort niemand ernsthaft erkrankt ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach von dem „Potenzial zu einer Pandemie“ und ermahnte zu „erhöhter Wachsamkeit“. Die deutschen Behörden raten zu einer abwartenden Haltung.
Zunächst die Zahlen vom Wochenende: In Mexiko sollen nach Medienberichten mehr als tausend Menschen erkrankt sein, mehr als 80 seien gestorben, meldeten die Medien bis Sonntagabend – inzwischen ist von mehr als hundert Todesfällen die Rede. Das Global Alert and Response Network (GOARN) der WHO berichtet über 18 bestätigte Erkrankungsfälle einer Influenza A/H1N1. Der Text lässt offen, ob es sich um Todesfälle handelt.
Ausbreitung und Schweregrad der Erkrankungswelle, die 19 von 32 Bundesstaaten Mexikos erfasst haben sollen, würden derzeit untersucht, heißt es dort. Die mexikanische Regierung verlautete noch am Sonntag, dass die meisten Patienten sich auf dem Weg der Besserung befänden.
Klarer ist das Bild in den USA: Die Behörden berichten dort von 20 bestätigten Fällen (8 in New York, 7 in Kalifornien, 2 in Texas, 2 in Kansas und 1 in Ohio). Alle 20 Erkrankungen - und das sollte eine beruhigende Nachricht sein – verliefen milde und nur eine Person musste hospitalisiert werden.
Die Erkrankungen hätten unter normalen Umständen nicht für Aufsehen gesorgt. Doch seit März 2009 wurde den mexikanischen Gesundheitsbehörden eine Häufung von schweren Atemwegserkrankungen bekannt, darunter etliche Fälle mit schwerer Pneumonie und Todesfolge. Die meisten Meldungen kamen aus zentralen Regionen des Landes, einige aber auch aus dem Grenzgebiet zu den USA.
Dies mag die Behörden aus San Diego, der nahe zur Grenze nach Mexiko gelegenen zweitgrößten Stadt in Kalifornien, Anfang April veranlasst haben, bei den grippalen Infekten zweier Kinder genauer hinzusehen und einen Erregernachweis durchzuführen, obwohl beide Kinder nicht schwer erkrankt waren und sich bald erholten.
Die Proben beider Patienten reagierten im Nachweistest mit Gensonden (reverse transcription–polymerase chain reaction, RT-PCR), positiv auf Influenza-A-Viren, aber sie konnten mit den Standardtests nicht weiter subtypisiert werden.
Solche Fälle müssen seit 2007 in den USA den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta gemeldet werden, was dann eine behördliche Untersuchung in Gang setzt. Der Erreger wurde in der letzten Woche als bisher unbekannte Variante des Schweineinfluenza-Virus vom Typ H1N1 identifiziert.
Die genaue Bezeichnung ist A/California/04/2009 A(H1N1). Die Variante wiesen die US-Wissenschaftler danach auch in Proben aus Mexiko nach. Dies belegte, dass es sich um die gleichen Erreger handelt. Erst diese Erkenntnis löste dann in Mexiko die panikartigen Reaktionen aus, die über die Medien weltweit verbreitet wurden.
| Der Virus H1N1 wurde 1930 entdeckt /CDC |
Das Virus der Schweinegrippe wurde erstmals 1930 isoliert. Seither zirkulieren Viren des Subtyps A/H1N1 in Schweinen. Heute sind weitere Typen (H1N2, H3N1, H3N2) bekannt. Die Variante H3N2 wurde erstmals 1998 bei Schweinen nachgewiesen. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass es ursprünglich durch Menschen auf Schweine übertragen wurde. H und N bezeichnen die beiden Eiweiße der Virushülle Hämagglutinin und Neuraminidase. Es gibt 16 Hämagglutinin- und 9 Neuraminidase-Subtypen in verschiedenen Kombinationen.
Im Labor der CDC wurde bereits das Genom des aktuellen Virus entschlüsselt. Die WHO hat die Sequenz am Wochenende veröffentlicht. Die CDC hat aufgrund der Sequenz auch einen verbesserten PCR-Test entwickelt, der an die wichtigsten Labors in den USA und in andere Länder geliefert werden soll. Damit dürfte die Wahrscheinlichkeit steigen, dass in den nächsten Tagen neue Infektionen erkannt werden.
Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts in Berlin ist grundsätzlich nicht auszuschließen, dass einzelne Influenzafälle durch Reisende auch nach Deutschland eingeschleppt werden. Nach Medienberichten sollen in Spanien und in Frankreich mehrere Reiserückkehrer aus Mexiko in Spanien und Frankreich unter Beobachtung stehen. Kanada meldete sechs Verdachtsfälle, auch sie allesamt Reiserückkehrer aus Mexiko.
Genetisch handelt es sich bei dem H1N1-Virus um eine Mischung aus vier verschiedenen Viren: einem nordamerikanischen Schweinegrippevirus, einem nordamerikanischen Vogelgrippevirus, einem humanen Influenzavirus und einem Virus der euro-asiatischen Schweinegrippe, letzterer wurde niemals zuvor in den USA isoliert. Die genetische Mischung lässt vermuten, dass das neue Virus durch einen Genaustausch (Reassortment) entstanden ist. Der Zeitpunkt ist unklar.
Epidemiologisch unterscheidet sich die neue H1N-Variante von bisherigen Formen der Schweinegrippe durch ihre Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch. Dies folgern die Forscher aus der Tatsache, dass keiner der in den USA entdeckten Patienten Kontakt zu Schweinen hatte.
Eine Übertragung vom Schwein auf den Menschen ist auch für das herkömmliche Schweinegrippe bekannt. Solche Fälle gelten aber als selten: In den USA sind zwischen Dezember 2005 und Februar 2009 12 Fälle dokumentiert worden. Das schließt allerdings nicht aus, dass es bei genauerer Untersuchung sehr viel mehr wären).
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