Dienstag, 28. April 2009
Schweinegrippe: Alarmstimmung bei unklarer Situation
Die Arzneimittelbehörde FDA hat die Zulassung dieser Medikamente erweitert und einen Nachweistest zugelassen. Ob die Medikamente benötigt werden, ist weiterhin unklar. Denn außerhalb von Mexiko verläuft die Erkrankung überraschend milde. Vorhersagen sind zu Beginn der Epidemie jedoch noch nicht möglich. Die WHO hatte ihren Pandemieplan 2005 als Reaktion auf die Bedrohung durch die Vogelgrippe entwickelt und sogleich die Warnstufe 3 verkündet. Sie konstatiert, dass ein „Reassortment“, eine Mischung von menschlichen und tierischen Influenzaviren stattgefunden hat, und dass es sporadisch zu Übertragungen von Tieren auf den Menschen kommt, die in der Regel auf einen Kontakt mit Geflügel zurückgeführt werden kann. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch war, wenn sie überhaupt stattfand, sporadisch. Die Vogelgrippe H5N1 hat in der Folge bewiesen, dass sie eine potenzielle Gefahr darstellt: Von 421 nachweisbar infizierten Patienten sind 257 gestorben. Auch die Coronaviren, die 2003 eine kurzzeitige globale Sars-Epidemie auslösten, haben ihre hohe Pathogenität unter Beweis gestellt: Von 1.755 nachweisbar infizierten Patienten starben 299. Im Unterschied zu dem Vogelgrippevirus waren die Coronaviren hochinfektiös und von Mensch zu Mensch übertragbar. Die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch trifft auch auf das Schweinegrippevirus H1N1 zu. Dies und die ersten nachgewiesenen Infektionen in Europa haben die WHO am Montag veranlasst, die Warnstufe 4 zu verkünden: Sie erklärt die Fähigkeit des Virus eine Epidemie unter Menschen auszulösen, was nicht notwendigerweise bedeutet, dass eine Pandemie bereits begonnen hat. Der nächste Schritt wäre die Warnstufe 5, welche die Ausbreitung von Mensch zu Mensch in wenigstens zwei Ländern einer WHO-Region fordert – was derzeit nicht der Fall ist, da die Erkrankten „importierte“ Infektionen sind und bisher keine anderen Menschen angesteckt haben. Die Pathogenität des Schweinegrippe-Virus scheint geringer zu sein als die des Vogelgrippe-Virus (oder die der Sars-Coronaviren). Über die Erkrankungen in Mexiko liegen jedoch keine genauen Informationen vor. Die am Wochenende genannten Zahlen wurden am Montag ein wenig relativiert. Der Gesundheitsminister José Angel Córdova sprach zwar von 149 Todesfällen. Ob sie alle an der Schweinegrippe starben, ist unklar. Der Erreger A/H1N1 sei bei 20 Toten sei nachgewiesen worden, wurde der Presse mitgeteilt (Nach dem update 3 der WHO vom 27. April 2009 waren es 26 bestätigte Erkrankungen davon 7 Todesfälle). Die geringe Zahl könnte damit zusammenhängen, dass die Proben für einen Nachweis erst an die Labors der CDC in Atlanta weitergeleitet werden müssen. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass die mexikanischen Behörden überfordert waren und die Lage dramatischer darstellten, als sie in Wirklichkeit war („reporting bias“). Erkrankungen wurden bis Montag (16 Uhr MEZ) bestätigt in den USA (50), Kanada (6), Neuseeland (3) Großbritannien (2), Spanien (2) und Israel (1) Verdachtsfälle gab es in Brasilien, Guatemala, Peru, Australien, Südkorea und sieben europäischen Ländern. Die Erkrankungen in den “Clustern” in New York City (28 Fälle) Kalifornien (7 Fälle) Texas und Kansas (je 2 Fälle) und Ohio (1 Fall) verlaufen weiterhin mild, was Virusexperten offenbar verblüfft. Sie trauen dem Virus, das Bestandteile der Grippeviren dreier Spezies (Mensch, Huhn, Schwein) kombiniert, durchaus zu, eine größere Pandemie auszulösen. Warum die US-Patienten (im Unterschied zu den Patienten im Mexiko) nur sehr leicht erkranken, verlangt nach einer Erklärung. Aus den wenigen Erkrankungen auf die Gefährdung im Fall einer Pandemie hochzurechnen, wird für voreilig gehalten. Und selbst wenn die Letalität gering wäre, könnte eine Pandemie zu vielen Opfern führen. Auch während der Spanischen Grippe 1917 bis 1919 starb nur eine Minderheit der Erkrankten. Das Reassortment hat nach Ansicht der CDC–Experten zur Folge, dass der Impfstoff dieses Jahres vermutlich keinen Schutz bietet. Er enthält zwar die Komponente H5N1, aber eben nicht den Typ A/California/04/2009 A(H1N1). Die Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir und Zanamivir scheinen wirksam zu sein – auch wenn es hierzu keinerlei klinische Erfahrungen geben kann. Die CDC beruft sich auf Laborexperimente. In den USA hat der Strategic National Stockpile bereits ein Viertel der wegen der Vogelgrippe-Gefahr eingelagerten Medikamente zur Disposition gestellt. Ob sie wirklich benötigt werden, kann wegen der sich rasch entwickelnden Situation nicht vorhergesagt werden. Die FDA hat unter Berufung auf eine Notfallverordnung (Emergency Use Authorizations, EUAs) einige Beschränkungen für den Einsatz der beiden Präparate Tamiflu® (Wirkstoff: Oseltamivir) und Relenza® (Wirkstoff: Zanamivir) aufgehoben. Relenza® darf nach Zulassungsbedingungen nur zur Behandlung einer akuten unkomplizierten Erkrankung im dem Alter von 7 Jahren eingesetzt werden, die seit weniger als 2 Tagen symptomatisch ist. Tamiflu® durfte nicht bei Säuglingen unter einem Jahr eingesetzt werden. Das hauptsächlich eingelagerte Tamiflu dürfte jetzt auch bei Säuglingen vorbeugend eingesetzt werden. Die FDA erteilte auch dem “rRT-PCR Swine Flu Panel” eine Zulassung, den die CDC im Eilverfahren auf der Basis der bekannten Gensequenz des Erregers hergestellt hatte. © rme/aerzteblatt.de Um Nachrichten kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden. |
Archiv
Top 5 Nachrichten
Aktuelle Kommentare
Merkliste
In Ihrer Merkliste können Sie News und Artikel speichern und später wieder aufrufen. Registrieren Sie sich, können Sie Ihre Merkliste dauerhaft speichern.
RSS-Feed
Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren. RSS |