Neue Influenza: Erste klinische Details zu Todesfällen
Freitag, 8. Mai 2009
A/CA/4/09 Schweinegrippevirus /dpa
Atlanta – Wissenschafter der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) haben erstmals ausführliche Angaben zum klinischen Verlauf der Neuen Influenza A/H1N1 gemacht. Die Publikation im New England Journal of Medicine (2009; doi: 10.1056/nejmoa0903810) dokumentiert einen milden Verlauf. Die beiden Todesfälle traten bei Personen mit Risikofaktoren auf.
Das „Novel Swine-Origin Influenza A (H1N1) Virus Investigation Team“ um Michael Shaw von der CDC in Atlanta fasst die Erfahrungen zu den ersten 642 Patienten zusammen, die bis zum 5. Mai gemeldet wurden. Die Publikation wurde innerhalb von nur 2 Tagen verfasst, redigiert, geprüft und veröffentlicht, eine publizistische Leistung, die erst im Zeitalter des Internet möglich ist.
Der Wettlauf mit dem Virus begann am 30. März, als ein zweijähriges Kind mit Asthma an Fieber, Husten und Erbrechen erkrankte. Es wurde am nächsten Tag in eine Notfallklinik eingewiesen, erholte sich aber innerhalb weniger Tage. An der Klinik in San Diego wurde ein Rachenabstrich auf Influenzaviren durchgeführt. Das Kind testete positiv auf Influenza A.
Der Gentest auf die humanen Subtypen H1 und H3 fiel jedoch negativ aus. Das verpflichtet die Ärzte, die CDC zu informieren. Die dortigen Labors identifizierten am 15. April ein neues Influenza A/H1N1-Virus. Die genaue Analyse zeigte, dass das Virus Bestandteile von humanen Influenzaviren, einem Vogelinffuenzavirus und zwei unterschiedlichen Schweineinfluenzaviren enthielt. Damit war eine neue Variante des Schweineinfluenzavirus A/H1N1 entdeckt worden.
Am 28. April erkrankte ein zweites Mädchen an Fieber und Husten. Es wurde (wohl wegen des Verdachts auf eine bakterielle Atemwegsinfektion) empirisch mit Amoxicillin-Clavulansäure behandelt und erholte sich. Zufälligerweise war das Mädchen an einer Klinik behandelt worden, die an einem Influenza-Surveillance-Projekt teilnimmt.
Der Rachenabstrich war positiv auf Influenza A, aber auch hier gelang die Subtypisierung nicht, weshalb die Proben nach Atlanta weitergeleitet wurden. Der Rest ist bekannt. Die CDC veröffentlichte eine Falldefinition und bat die Kliniken bei Verdacht einen in aller Eile entwickelten Gentest durchzuführen. In der Folge stieg die Zahl der Erkrankungen.
Die meisten Erkrankungen verliefen milde, und man darf vermuten, dass die Epidemie ohne die Meldepflicht, die aus Sorge um die Vogelgrippe (H5N1) eingeführt worden war, nicht oder wenigstens sehr viel später aufgefallen wäre.
Wie die CDC-Mitarbeiter berichten, waren die ersten 642 Patienten zwischen 3 Monate und 81 Jahre alt: 60 Prozent waren 18 Jahre oder jünger. Die häufigsten Symptome waren Fieber (94 Prozent), Husten (92 Prozent) und ein entzündeter Hals (66 Prozent); 25 Prozent der Patienten hatten eine Diarrhö und 25 Prozent hatten erbrochen.
Nur 36 (9 Prozent) von 399 Patienten, für die Informationen vorlagen, waren hospitalisiert worden. Zu 22 hospitalisierten Patienten lagen nähere Auskünfte vor: 12 hatten Risikofaktoren für einen komplizierten Verlauf einer saisonalen Grippe, 11 hatten eine Pneumonie und 8 mussten auf einer Intensivstation behandelt werden. Bei vier Patienten kam es zu einem Atemversagen und zwei Patienten starben.
Es handelt sich um einen 22 Monate alten Säugling und um eine 33 Jahre alte Frau. Beide hatten mehrere Risikofaktoren für einen schweren Verlauf: Die Frau war in der 35. Wochen schwanger. Sie litt unter Asthma, Rheumatoider Arthritis und Psoriasis. Der Säugling war an einer neonatalen Myasthenia gravis erkrankt, er hatte einen Herzfehler (Ventrikelseptumdefekt). Er litt unter Schluckstörungen und einer chronischen Hypoxie.
Für diese beiden Patienten wäre vermutlich auch eine saisonale Influenza zu einer lebensgefährlichen Gefahr geworden. Für den Editorialisten Robert Belshe von der Universität Saint Louis unterscheidet sich der Verlauf der neuen Influenza A/H1N1 nicht von der saisonalen Grippe (NEJM 2009; doi: 10.1056/NEJMe0903995).
Der Erreger scheint auch nicht so einzigartig zu sein, wie anfangs angenommen. Die Gruppe um die CDC-Mitarbeiterin Lyn Finelli berichtet, ebenfalls im New England Journal of Medicine (NEJM 2009; doi: 10.1056/NEJMoa0903812), dass sich die Influenzaviren in Schweinen zwischen 1930 und 1990 kaum verändert haben.
Erst seit Ende der 90er-Jahre sei es dann zum Auftreten verschiedener „Triple-Reassortment“ Influenza A-Viren gekommen: Bei ihnen hatten sich die Gene der Schweineinfluenzaviren mit denen der menschlichen Influenza und der Vogelgrippe vermischt. Immer wieder hatte es vereinzelte Fälle gegeben, die vom Schwein auf den Menschen übertragen wurden.
Seit Dezember 2005 waren es elf, vielleicht zwölf Fälle gewesen. Interessanterweise unterscheidet sich das neue Influenza-Virus von dem klassischen Schweineinfluenzavirus durch die Aufnahme einem zusätzlichen Virusgen. Es wurde bisher nur bei Schweinen in Europa und Asien beobachtet, nicht aber in den USA. Wie sie in das neue Influenza A/H1N1-Virus gelangten, ist unklar.
Beide Viren sind entfernte Nachfahren des H1N1-Virus der Spanischen Grippe. Dieses Virus zirkulierte nach Angabe von Belshe bis 1957 im Menschen. Ob vor diesem Datum geborene Menschen aus dieser Zeit noch eine Immunität haben, ist aber nicht bekannt. Das Auftreten der Erkrankungen bei jüngeren Menschen scheint möglicherweise ein Hinweis darauf zu sein.
Ein ähnlicher Effekt war übrigens bereits 1918/19 beobachtet worden, als Menschen über 45 Jahre weitgehend von der Spanischen Grippe verschont wurden. Sie hatten noch eine Rest-Immunität aus der Pandemie von 1873, wie Mark Miller vom National Institute of Health in Bethesda und Mitarbeiter berichten (NEJM 2009; doi 10.1056/NEJMp0903906).
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