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Medizin

Contergan durch Anti-Angiogenese teratogen

Dienstag, 12. Mai 2009

Aberdeen – Ein halbes Jahrhundert nach dem Contergan®-Skandal haben Wissenschaftler herausgefunden, auf welche Weise der Wirkstoff Thalidomid Fehlbildungen an den Extremitäten induziert hat. Nach einer Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2009, doi: 10.1073/pnas.0901505106) hat Thalidomid eine antiangiogenetische Wirkung, die während einer bestimmten vulnerablen Phase in der Embryonalperiode die Ausbildung der Extremitäten behindert.

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Ende der 50er-Jahre wurden weltweit etwa 10.000 Kinder mit Dysmelien oder Amelien geboren, weil ihre Mütter während der Frühschwangerschaft zur Behandlung der Emesis gravidarum Contergan eingenommen hatten, das auch als gut verträgliches Schlaf- oder Beruhigungsmittel vertrieben wurde.

Der Zeitpunkt der Einnahme in der Frühschwangerschaft war der ausschlaggebende Faktor für die teratogene Wirkung. Frauen, die den Wirkstoff in der Fetalphase, also nach dem Abschluss der Organogenese einnahmen, brachten Kinder ohne Fehlbildungen zur Welt, berichtet Neil Vargesson, ein Entwicklungsbiologe an der Universität Aberdeen. 

Dass der Forscher die teratogene Wirkung von Thalidomid erst heute, ein halbes Jahrhundert nach dem Contergan-Skandal entschlüsseln konnte, liegt einmal am der komplizierten Pharmakologie: Thalidomid, das selbst nicht teratogen ist, wird in der Leber in mehr als hundert Metabolite umgewandelt, die erst nach und nach entdeckt wurden.

Die Metabolisierung in der Leber ist von Spezies zu Spezies unterschiedlich, was erklären mag, warum das Medikament bei einigen häufig benutzen Labortieren wie Maus oder Ratte keine Fehlbildungen induziert. Dies ist der zweite Grund, der die Erforschung der teratogenen Wirkungen in der Vergangenheit erschwert hat. Vargesson führte seine Experimente an Zellkulturen und an Hühnerembryonen durch. 

Er stellte fest, dass einzelne Metabolite, die Bildung neuer Blutgefäße hemmen. Die teratogene Wirkung ist allerdings auf eine bestimmte Phase der Bildung von Blutgefäßen (Angiogenese) begrenzt. Dies erklärt, warum Contergan nur die Extremitäten nicht aber innere Organe schädigte.

Die Extremitäten entwickeln sich relativ spät. Zu diesem Zeitpunkt ist die Bildung der Blutgefäße in den Organen weit fortgeschritten, weshalb es zu keiner Schädigung kommt. Nach dieser Therapie dürfte eine Exposition mit Thalidomid zu einer früheren Phase der Organentwicklung zum Fruchttod geführt haben, denn Kinder mit Fehlbildungen an den inneren Organen wurden nicht geboren.

Tragisch ist, dass auch heute noch Kinder mit „Contergan-Schäden“ geboren werden. Contergan ist zwar seit 1961 vom Markt genommen, aber der Wirkstoff wird in Regionen Afrikas weiterhin als Medikament gegen Lepra eingesetzt. Thalidomid ist auch ein effektiver Wirkstoff beim Plasmozytom.

In Deutschland ist das strukturell verwandte Lenalidomid zugelassen, zu dessen Wirkungsmechanismen beim Plasmozytom eine antiangiogenetische Wirkung gehört. Frauen im gebärfähigen Alter dürfen das Medikament nur bei gesicherter Kontrazeption erhalten. Diese Vorsichtsmaßnahme gilt übrigens auch für eine Reihe weiterer antiangiogenetischer Medikamente wie Bevacizumab, die zur Tumorbehandlung eingesetzt werden. © rme/aerzteblatt.de

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