Politik

Ethikrat: Gehirnforschung aufmerksam verfolgen

Donnerstag, 28. Mai 2009

Berlin – Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Edzard Schmidt-Jortzig, hat der Politik empfohlen, die medizinischen Fortschritte der Hirnforschung aufmerksam zu verfolgen. So werde es bei den Themen wie Neuro-Enhancement, der Leistungssteigerung des Gehirns, in absehbarer Zeit gesetzlichen Handlungsbedarf geben, sagte der Jurist bei der Jahrestagung des Gremiums am Donnerstag in Berlin.

Die Möglichkeiten, das menschliche Gehirn zu manipulieren oder zu beeinflussen, habe in den vergangenen Jahren geradezu explosionsartig zugenommen. Die Jahrestagung stand unter dem Thema „Der steuerbare Mensch – über Einblicke und Eingriffe in unser Gehirn“. Der Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes referierte über den wissenschaftlichen Stand des „brain reading“, der bildlichen Darstellung von Hirnaktivität und der damit verbundenen Möglichkeit, daraus Gedanken, Emotionen und Handlungsabsichten herauszulesen.

Inzwischen sei es teilweise möglich, Willensentscheidungen einige Sekunden vorab tendenziell vorauszusagen. Haynes betonte jedoch, ein universelles „Gedankenlesegerät“ sei weiterhin eine Utopie. Ebenso stecke die Entwicklung eines verlässlichen Lügendetektors auf Basis von Hirnaktivitäten noch in den Kinderschuhen.Haynes verwies auf das ethische Problem, dass „brain reading“ die mentale Privatsphäre des Menschen verletzen könne. Abzulehnen sei insbesondere der Einsatz aus rein kommerziellen Zwecken. Etwa beim so genannten Gehirn-Marketing, bei dem getestet wird, welche Produkte das Gehirn stark ansprechen und Kaufabsichten auslösen.

Ein weiteres Problem ergebe sich beim Datenschutz, da die Dekodierung der Hirnaktivitäten beispielsweise auch Erkrankungswahrscheinlichkeiten, Einstellungen und sexuelle Orientierungen offen legen könne. Derartige Informationen müssten absolut geschützt werden, so Haynes. Als positiven Aspekt des „brain reading“ nannte der Neurologe die Möglichkeit der Darstellung und Erfassung von bewussten Wahrnehmungen bei Koma-Patienten.

Der Jurist Tade Matthias Spranger verwies mit Blick auf den Einsatz von „brain reading“ etwa im Bereich des Strafrechts auf die Unabwägbarkeit der Menschenwürde. Der Staat habe keine Legitimation, das Verfahren des „brain reading“ einzusetzen, wenn dadurch die Würde des Menschen verletzt werde. Dieses sei gegeben, wenn gegen den Willen einer Personen Informationen aus ihrem Gehirn ausgelesen oder neurologische Manipulationen vorgenommen würden. Jeder Mensch habe das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, betonte der Rechtswissenschaftler.

Spranger erläuterte, dass Eingriffe ins Gehirn, die Patienten ihre Kommunikationsfähigkeit zurückgeben, rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Denn diese Personen gewönnen durch diese Fähigkeit beispielsweise das Recht zurück, ein Testament zu erstellen. Solche Eingriffe könnten somit die Rechtsfähigkeit von Menschen wiederherstellen. In diesem Falle trügen die medizinischen Möglichkeiten zur Grundrechtsverwirklichung bei, „und da ist der Staat gehalten, das auch zu nutzen“, sagte Spranger. © kna/aerzteblatt.de

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