Medizin

Reingelegt! Peer-Review-Journal akzeptierte Nonsense-Manuskript

Dienstag, 16. Juni 2009

Ithaca/New York – Einem US-Kommunikationsforscher ist ein ganz besonderer Streich gelungen. Er reichte eine Studie bei einem Journal mit Gutachterprüfung (Peer Review) ein, und sie wurde tatsächlich angenommen, obwohl sie kompletten Unsinn enthielt, erfunden von einem Computer-Programm.

Die Software “SCIGen” generiert wissenschaftliche Abhandlungen mit Abstract, Methodenteil, Ergebnissen, Zusammenfassung und Literaturhinweisen. Die Publikationen enthalten Grafiken und Tabellen, in denen die Resultate anschaulich dargestellt werden. Auch die Texte sind nicht nur grammatikalisch korrekt. Sie treffen auch den Stil einer hochwissenschaftlichen Arbeit.

Dass es sich um kompletten Unsinn handelt, stellt man erst fest, wenn man sich der (vergeblichen) Mühe unterzieht, den Text zu verstehen. Erst auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass es sich um kompletten Unsinn handelt, oder um „kontextfreien“ Inhalt, wie der Kommunikationsforscher Philip Davis von der Cornell University in Ithaca, New York, es nennt.

Davis reicht seit einiger Zeit mit SCIGen erstellte Beiträge zu wissenschaftlichen Kongressen ein. Anfangs erhielt er nur Ablehnungen, oft mit freundlichen Worten, aber 2005 wurde ein Beitrag für die „World Multiconference on Systemics, Cybernetics and Informatics“ in Orlando angenommen, wo die Gruppe auch gleich noch ein allerdings kaum besuchtes Symposium veranstaltete.

Den bisher größten Clou landete Davis kürzlich mit der Studie „Deconstructing Access Points“. Sie wurde vom Open Information Science Journal, das ein Peer Review-System hat, zur Publikation angenommen. Bevor sie erscheinen konnte, zog Davis den Antrag zurück, um die 800 US-Dollar Publikationsgebühren zu sparen.

Schon der Absender des Autoren, ein „Center for Research in Applied Phrenology“, hätte die Herausgeber stutzig machen sollen. Die auf den Anatom Franz Gall (1758 bis 1828) zurückgehende Idee, Charakter und Intelligenz lasse sich aus der Kopfform ablesen (Phrenologie) gilt schon lange als unwissenschaftlich.

Dennoch hat niemand etwas bemerkt. Der Schriftleiter des Journals, Bambang Parmanto von der Universität Pittsburgh, ist beleidigt. Gegenüber Nature versichert er, das Manuskript niemals zu Gesicht bekommen zu haben. Auch die Berichte der Gutachter (Peer reviewer) seien ihm nicht vorgelegt worden, noch habe er erfahren, dass der Beitrag zur Publikation angenommen worden sei.

Parmanto will sein Amt niederlegen. Den schwarzen Peter schob er dem Verlag Bentham Science Publishing zu, der habe ihm, Parmanto, gegenüber versichert, ein Mitglied des Beirats habe den Beitrag begutachtet. 

Beleidigt ist man auch bei Bentham Science Publishing: Das „Einreichen von gefälschten Manuskripten sei eine völlig unethische Tätigkeit, die verurteilt werden müsste“, zitiert Nature aus einem E-Mail. 

Dass ein Gutachter die Studie tatsächlich – mit angeschaltetem Gehirn – gelesen hat, muss wohl bezweifelt werden. Wahrscheinlicher ist, dass die Publikation ungelesen durchgereicht wurde, was dank SCIGen in nächster Zeit nicht mehr so häufig vorkommen dürfte. © rme/aerzteblatt.de

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Andreas Skrziepietz
am Mittwoch, 17. Juni 2009, 14:15

Der Streich ist nicht neu

Hat ein Mathematiker auch schon mal praktiziert, siehe "Sokal's Hoax".
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