Medizin

Antibiotikaverordnungen in Europa sehr unterschiedlich

Freitag, 26. Juni 2009

Cardiff – Beim Symptom „aktiver Husten” greifen Ärzte in Europa unterschiedlich häufig zum Rezeptblock. Nach einer Querschnittsstudie im britischen Ärzteblatt (BMJ 2009; 338: b2242) gibt es nicht nur große Abweichungen in der Indikationsstellung, auch die Wahl der Antibiotika ist von Land zu Land sehr verschieden.

Untere Atemwegserkrankungen gehören zu den häufigsten Anlässen für die Verordnung von Antibiotika, obwohl der Wert der Therapie umstritten ist und der unkritische „empirische” Einsatz als einer der wesentlichen Gründe für die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen angesehen wird. Streptococcus pneumoniae ist europaweit bereits in jedem zehnten Isolat unempfindlich auf Penicilline.

Die Prävalenz der Resistenzen ist jedoch regional sehr unterschiedlich, was die Gruppe um Christopher Butler von der Universität Cardiff in Wales bewog, die Verordnungsgewohnheiten in 13 europäischen Ländern zu vergleichen. Sie konnten sich dabei auf das Genomics to combat Resistance against Antibiotics in Community-acquired lower respiratory tract infections in Europe (GRACE)-Projekt stützen, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Resistenzentwicklung bei mikrobiellen Erregern von Atemwegserkrankungen zu erforschen und Möglichkeiten zur Eindämmung zu finden.

Die Studie umfasst 3.402 Erwachsene, die sich wegen eines „akuten Hustens” an ihren Hausarzt gewendet hatten. Die teilnehmenden Ärzte hatten Angaben zur Anamnese, zu Begleiterkrankungen und zu den Symptomen gemacht und die Körpertemperatur registriert, was einen fairen Vergleich der Verordnungen erlaubt. Er zeigt, dass die Indikation zur Antibiotikatherapie und die Wahl der Wirkstoffe innerhalb Europas sehr stark variieren.

Insgesamt verschrieben die Ärzte jedem zweiten Patienten (53 Prozent) ein Antibiotikum. Die Häufigkeit schwankte von 21 Prozent (in Barcelona) bis fast 90 Prozent (in Bratislava): In der Slowakei erhielten die Patienten bei gleichem Beschwerdebild doppelt so häufig Antibiotika verschrieben wie im Durchschnitt. In Norwegen, Belgien und Schweden lagen die Verordnungszahlen bei einem Viertel des Durchschnitts (wobei fraglich ist, ob die jeweiligen Zentren repräsentativ für die einzelnen Länder sind). Für Deutschland sammelte das Diakoniekrankenhaus Rotenburg/Wümme (zwischen Bremen und Hamburg) Daten. Dort erhielten 34,5 Prozent der Patienten Antibiotika.

Interessant sind auch die Unterschiede in der Wahl der Wirkstoffe. In England verordneten 83 Prozent der Ärzte Amoxicillin, in Norwegen waren es nur 3 Prozent, was zeigt, dass es europaweit derzeit keinen Konsens über die antimikrobielle Therapie bei unteren Atemwegserkrankungen gibt. Die Forscher haben auch versucht, den Einfluss der Antibiotikatherapie auf die Erholung der Patienten zu bestimmen. Es war zwar ein statistisch signifikanter Vorteil vorhanden. Er war jedoch sehr gering und nach Einschätzung der Autoren vollständig durch eine Placebo-Wirkung erklärbar.

Viele Antibiotikaverordnungen bei unteren Atemwegserkrankungen erscheinen also unnötig und wegen des Risikos einer Resistenzinduktion kontraproduktiv. Butler befürchtet, dass der Druck auf die Ärzte, bei „akutem Husten“ Antibiotika zu verschreiben, in den nächsten Monaten steigen wird, wenn immer mehr Menschen sich mit dem H1N1-Virus der Schweinegrippe infizieren und sich wegen Atemwegsbeschwerden an ihre Hausärzte wenden. Die Verordnung von Antibiotika ist in diesem Fall (außer bei einer bakteriellen Superinfektion) zwar falsch, aber wegen der fehlenden Erregerdiagnostik oft unvermeidlich. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige