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Russland: Alkohol für jeden zweiten vorzeitigen Todesfall verantwortlich

Sonntag, 28. Juni 2009

Dresden/Oxford – Jeder zweite vorzeitige Todesfall in Russland ist die direkte oder indirekte Folge eines unmäßigen Alkoholkonsums. Dies geht aus einer Fall-Kontrollstudie im Lancet (2009; 373: 2201-2214) hervor. Weltweit könnte Alkohol für einen von 25 Todesfällen verantwortlich sein. 

Dass die russische Gesellschaft ein Alkoholproblem hat, ist nicht neu. Der Konsum hochprozentiger Spirituosen gilt als die wesentliche Ursache für die im Vergleich zum restlichen Europa deutlich höhere Sterblichkeit in der Altersgruppe der 15- bis 55-Jährigen. Hier hat es seit den 80er-Jahren mehrere Ausschläge nach oben und unten gegeben, die sich plausibel auf politisch und wirtschaftlich bedingte Schwankungen des Wodka-Konsums zurückführen lassen.

Kurz nach dem Beginn der Anti-Alkoholkampagne der Regierung Gorbatschow, die zeitweise zu einem Rückgang des Alkoholkonsums um 25 Prozent führte, sank auch die Sterblichkeit der 15-bis 55-Jährigen. Nach dem Untergang der UdSSR wurde dann ein historischer Höchststand erreicht. Als Ende 1998 die russische Wirtschaft kollabierte, fehlte der Bevölkerung das Geld für hochprozentige Spirituosen. Doch als die Wirtschaft sich erholte stieg auch die Sterblichkeit wieder an. Seit wenigen Jahren sinkt die Sterblichkeit wieder.

Auf welche Weise der Alkoholkonsum die Sterblichkeit beeinflusst, konnte jetzt in einer einzigartigen Studie untersucht werden, welche die Europäische Kommission, die International Agency for Research on Cancer und einige britische Stiftungen in Auftrag gegeben hatten. Ärzte aus den drei sibirischen Städten Tomsk, Barnaul und Biysk suchten in den Jahren 2001 bis 2005 nicht weniger als 60.416 Haushalte auf, in denen es Todesfälle im Alter von 15 bis 74 Jahren gegeben hatte. 

Ergebnis: Von den Todesfällen im Alter von 15 bis 54 Jahren konnten 52 Prozent auf die direkten oder indirekten Wirkungen des Alkohols zurückgeführt werden. Personen mit dem höchsten Alkoholkonsum kamen (im Vergleich zur untersten Kategorie) 5,9-fach häufiger durch Unfälle oder Gewalttaten ums Leben.

Sie hatten ein 21,7-fach erhöhtes Sterberisiko durch Alkoholvergiftung. Sie starben 3,5-fach häufiger an Kopfhalstumoren, 2,1-fach häufiger an Leberkrebs. Auch das Sterberisiko an Tuberkulose (4,1-fach), Pneumonie (3,3-fach), Lebererkrankungen (6,2-fach), Pankreaserkrankungen (6,7-fach) war erhöht.

Ebenso traten Todesfälle, die keiner bestimmten Ursache zugeordnet werden konnten, bei starken Trinkern 7,7-fach häufiger auf, wie das Team um Richard Peto vom Clinical Trial Service Unit and Epidemiological Studies Unit (CTSU) an der Universität Oxford berichtet. 

Doch nicht nur in Russland sterben Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums, den Jürgen Rehm vom Institut für Klinische Psychologie an der Technische Universität Dresden in einer Publikation (Lancet 2009; 373: 2223–33) bei Erwachsenen global mit 6,2 Liter reinem Ethanol pro Kopf und Jahr beziffert.

Das entspricht wöchentlich etwa zwölf sogenannten standard drinks (1 Drink = 10 Milliliter Ethanol). In Europa sei der Pro-Kopf-Alkoholkonsum mit circa 21,5 standard drinks pro Woche fast doppelt so hoch. Zusammen mit dem Centre for Addiction and Mental Health in Toronto errechnet Rehm, dass im Jahr 2004 etwa 3,8 Prozent aller Todesfälle auf den Alkohol zurückzuführen sind, bei Männern sind es sogar 6,3 Prozent. Bei Frauen sind es 1,8 Prozent. Der Alkoholkonsum habe in dieser Gruppe jedoch seit Anfang des Jahrzehnts stark zugenommen.

Angesichts dieser Probleme fordern Sally Casswell, Universität Auckland, und Thaksaphon Thamarangsi, Gesundheitsministerium in Bangkok, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf, eine Rahmenkonvention zur Alkoholkontrolle (Framework Convention on Alcohol Control) zu verabschieden (Lancet 2009; 373: 2247-2257), der aber von den Editorialisten Robert Beaglehole und Ruth Bonita von der Universität Auckland wenig Chancen eingeräumt werden (Lancet 2009; 373: 2173-2174). Es fehle derzeit an einer klaren Botschaft und der Widerstand der Industrie werde kaum zu überwinden sein. © rme/aerzteblatt.de

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