Medizin

Witwer eher demenzgefährdet

Montag, 6. Juli 2009

Stockholm – Der frühe Verlust des Lebenspartners, sei es durch Scheidung oder durch Tod, war in einer prospektiven Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt BMJ (2009; 339: b2462) mit einem deutlichen Anstieg des Demenzrisikos assoziiert. Besonders gefährdet scheinen Witwer mit dem Alzheimer-Gen APOE4 zu sein.

Der Morbus Alzheimer ist zweifellos eine organische Erkrankung, ausgelöst durch die Ablagerung von pathologischen Proteinen im Gehirn. Die Stoffwechselwege sind weitgehend bekannt und eine Variante des Apolipoproteins E e4 (APOE4)-Gens ist ein auch pathogenetisch fassbarer Risikofaktor.

Dennoch hat es in den letzten Jahren eine Reihe von epidemiologischen Hinweisen gegeben, die auf einen Einfluss der Umwelt hindeuten. Niedriges Ausbildungsniveau, fehlende körperliche Bewegung, fehlende mentale Anreize im Beruf und Hobby waren dort mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert.

Die meisten dieser Studien hatten eine kurze Nachbeobachtungszeit, sodass der Einwand einer „reversen Kausalität“ nicht auszuschließen war: Die Patienten könnten in der Frühphase der Erkrankung das Interesse an geistigen und sportlichen Aktivitäten verloren haben, deren Abwesenheit dann fälschlicherweise als Erkrankungsrisiko gedeutet werden. 

Dieses Argument entfällt bei der aktuellen Untersuchung von Miia Kivipelto vom Karolinska Institut in Stockholm. Denn bei den rund 2.000 Teilnehmern der Cardiovascular Risk Factors, Aging and Dementia-Studie lag die erste Untersuchung im Durchschnitt 21 Jahre zurück.

Es handelte sich übrigens um Teilnehmer des North Karelia Projects und des finnischen Arms der MONICA-Studie der WHO aus den 1970er- und 1980er-Jahren, die kardiovaskulären Risikofaktoren gewidmet war. 

Die Teilnehmer waren damals kognitiv gesund und Unterschiede in den Lebensumständen können sicherlich nicht als erste Folge einer Alzheimererkrankung oder eines milden kognitiven Impairments (MCI) gedeutet werden, die bei einigen Teilnehmern Ende der 1990er-Jahre diagnostiziert wurden. 

Die Alzheimer-Erkrankung im Alter war, wie Frau Kivipelto berichtet, mit dem Ehestand bei der Erstuntersuchung zwei Jahrzehnte zuvor assoziiert. Teilnehmer, die bei der Erstuntersuchung aus welchem Grund auch immer alleinstehend waren, erkrankten später doppelt so häufig an einer Demenz.

Bei den Teilnehmern, die früh verwitwe(r)t waren, war das Demenzrisiko sogar um den Faktor 7,67 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,6-40,0) erhöht. Und für Witwer, die Träger des APOE3-Gens waren, ermittelte die Epidemiologin sogar eine Odds Ratio von 25,55 (5,7-114,5).

Die Assoziation war signifikant und selbst wenn die weiten Konfidenzintervalle offen lassen, wie ausgeprägt die Risiken in Wirklichkeit sind, fällt der Einfuss des Ehestands auf das Demenzrisiko doch überraschend deutlich aus.

Als Erklärungsansatz bieten sich negative Auswirkungen von Trauer und Einsamkeit auf das Immunsystems an, die, gerade bei Menschen mit einer „soziogenitischen Vulnerabilität“, das Fortschreiten organischer Demenzerkrankungen fördern könnten. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige