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H1N1 erreicht Lunge und Darm

Montag, 6. Juli 2009

Atlanta/Amsterdam – Die derzeit zirkulierenden Viren der Influenza A/H1N1 dringen tiefer in die Atemwege ein als die saisonalen Viren, eine systemische Infektion erfolgt jedoch – noch – nicht, wie tierexperimentelle Daten in Science (2009; doi: 10.1126/science.1177238 und 1177127) zeigen.

Forschergruppen an den US-Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta und der Erasmus Universität in Rotterdam haben erstmals die Infektiosität und die Pathogenität der aktuellen H1N1-Viren an Mäusen (US-Gruppe) und an Frettchen (beide Gruppen) untersucht.

Die US-Gruppe um Terrence Tumpey von der CDC in Atlanta untersuchte die Virulenz und Übertragbarkeit von drei verschiedenen Stämmen des aktuellen H1N1-Erregers mit einem Erreger der saisonalen Grippewelle (A/Brisbane/59/2007).

Dazu wurden die Tiere intranasal mit den Viren inokuliert und später in Käfige gesperrt, die über Luftlöcher mit Käfigen verbunden waren, in denen sich nicht infizierte Tiere befanden. Untersucht wurde demnach die Ansteckungsfähigkeit durch Tröpfcheninfektion. Sie war beim Grippevirus des Jahres 2007 deutlich höher als bei den drei Versionen des H1N1-Virus. 

Diese experimentellen Befunde konnten die US-Forscher in Laborversuchen bestätigen, in denen sie die viralen Hämagglutinine (mit ihrer Hilfe binden die Viren an menschliche Zellen) mit sialysierten Glycanrezeptoren (den Bindungsstellen auf den menschlichen Zellen) zusammengebrachten. Die Ansteckungsfähigkeit scheint demnach geringer zu sein als bei der saisonalen Grippe. 

Dieser Befund wird allerdings von der Gruppe um Ron Fouchier von der Erasmus Universität in Rotterdam infrage gestellt: Die Forscher verwendeten ein in den Niederlanden isoliertes H1N1-Virus, dass sie mit einem dortigen saisonalen Grippevirus (A/Netherlands/26/2007) verglichen.

Hier erwies sich H1N1 als das ansteckendere Virus – gemessen an der Konzentration der Viren in Abstrichen der Atemwegsschleimhäute. Die Übertragbarkeit im Käfig war jedoch bei allen Viren gleich. Ob die Unterschiede zwischen den beiden Studien auf die verwendeten Virusisolate, den Versuchsaufbau oder die Versuchstiere zurückzuführen sind, ist unklar. Beide Gruppen konnten erwartungsgemäß zeigen, dass ein direkter Körperkontakt im engen Käfig die Viren effizient überträgt. 

Die US-Forscher warnen, dass eine einzelne Mutation im Virusbestandteil PB2 (polymerase basic protein 2) ausreichen könnte, um die Effizienz der Tröpfcheninfektion deutlich zu steigern. Diese Eigenschaft könnten die Viren auch durch Reassortment, den Genaustausch mit saisonalen Grippeviren, erhalten. Hierzu könnte es während der Wintersaison kommen, also derzeit auf der südlichen Hemisphäre.

Wichtig ist, dass die kursierenden Viren keine systemische Erkrankung erzeugen. Die US-Forscher konnten keine Virämie nachweisen und auch Gehirn, Nieren und Milz waren virusfrei. Sie fanden die H1N1-Viren jedoch im Intestinaltrakt einzelner Tiere. Dies könnte das häufige Auftreten von Erbrechen und Diarrhö bei Patienten mit neuer Grippe erklären.

Weiterhin wurden die H1N1-Viren häufiger und in größerer Konzentration als bei der saisonalen Grippe in den unteren Atemwegen (Trachea, Bronchien und Bronchiolen) nachgewiesen. Auch dies ist ein Grund, warum die neue Grippe wie alle Influenza-Erkrankungen ernst genommen werden müssen, auch wenn in den Experimenten kein Tier an den Folgen der Influenza starb. 

Nach Einschätzung des European Centre for Disease Control and Prevention (ECDC) bestätigen die tierexperimentellen Daten die bisherigen Erfahrungen mit der H1N1-Pandemie. Die Tiermodelle könnten künftig genutzt werden, um etwaige Veränderungen in der Pathogenität der Erreger frühzeitig zu erkennen. © rme/aerzteblatt.de

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