Oxford – Wirtschaftskrisen führen zu einem Anstieg der Suizide und Homizide. Gleichzeitig sinkt die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle, wie eine Studie im Lancet (2009; doi:10.1016/S0140-6736(09)61124-7) zeigt. Eine aktive Arbeitsmarktpolitik kann Suiziden vorbeugen.
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Arbeitslosigkeit ist nicht nur mit wirtschaftlichen Einbußen verbunden. Viele Menschen leiden auch psychisch, weil mit dem Arbeitsplatz auch soziale Kontakte verloren gehen und viele Menschen nicht in der Lage sind, ihre Freizeit sinnvoll zu nutzen.
Die Vermutung, dass Rezessionen die Menschen vom mentalen Arbeitsstress entlasten könnten und ihnen die Möglichkeit geben, gesünder zu leben, etwa weil sie mehr Muße und Zeit für ausgedehnte Spaziergänge haben, wird durch die nüchternen Zahlen widerlegt, die David Stuckler von der Oxford Universität zusammengetragen hat.
Der Soziologe wertete die Daten zu 30 verschiedenen Todesursachen aus, die er der World Health Organisation's Health for All Database entnahm. Diese Daten setzte er mit der Entwicklung der Arbeitslosigkeit in 26 Ländern der Europäischen Union in Beziehung.
Unter dem Strich kommt heraus: Jeder Anstieg der Arbeitslosigkeit um ein Prozent ist mit einem Anstieg der Suizidrate bei den unter 65-Jährigen um 0,8 Prozent assoziiert. Europaweit sind dies 310 Todesfälle. Hinzu kommt noch ein Anstieg der Homizide (Morde) um 0,79 Prozent pro einem Prozent Anstieg der Arbeitslosigkeit.
Da Morde seltener sind als Selbstmorde, ergibt dies europaweit „nur“ 40 zusätzliche Todesfälle. Noch deutlicher ist der Einfluss auf die Zahl der alkoholbedingten Todesfälle, der aber erst bei einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um 3 Prozent signifikant wird: Stuckler errechnet einen Anstieg um 28 Prozent, was europaweit 2.500 zusätzliche Todesfälle bedeutet – neben den bei diesem Anstieg zu erwartenden 1.740 zusätzlichen Suiziden.
Zyniker könnten natürlich einwenden, dass die seltenere Benutzung des Automobils die Zahl der Verkehrsunfälle herabsetzt. Aus der Studie ergibt sich für jedes Prozent mehr Arbeitslosigkeit tatsächlich ein Rückgang der Verkehrstoten um 1,4 Prozent, was wegen der Häufigkeit dieses Ereignisses europaweit immerhin 630 weniger Todesfälle bedeutet.
Andererseits dürften die Suizide (und Homizide) nur der Gipfel des Eisbergs der mentalen Leiden sein, die sich aus der Arbeitslosigkeit ergeben können. Es stellt sich die Frage, ob eine aktive Arbeitsmarktpolitik dies abfedern könnte.
Auch hier kann Stuckler eine klare Antwort geben: Denn in den Ländern mit einer traditionell guten sozialen Absicherung, etwa in Skandinavien, steigt die Suizidrate in wirtschaftlichen Krisenzeiten nicht an, während sie in Ländern mit geringer staatlicher Risikovorsorge (wie Großbritannien) stark ansteigt: Mit jedem 10 US-Dollarschein je Einwohner und Jahr kann eine aktiven Arbeitsmarktpolitik die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die Suizide um 0,038 Prozent senken, rechnet der Soziologe vor.
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