Risikoberechnung: Elektronische Krankenakten sind Framingham-Score überlegen
Dienstag, 14. Juli 2009
Nottingham – Britische Hausärzte erhalten künftig am Praxiscomputer Hinweise zu den kardiovaskulären Risiken ihrer Patienten. Die Berechnung erfolgt anhand der Daten, die sie und ihre Kollegen in den vergangenen Jahren für die Gesamtheit ihrer Patienten in die Software eingegeben hatten. Eine Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2009; 339: b2584) zeigt, dass ein derartiger Risiko-Score zuverlässige Daten ermittelt, die dem Framingham-Score sogar überlegen waren.
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Die Berechnung des Herz-Kreislauf-Risikos erfolgt bisher anhand des Framingham-Scores oder einer seiner Modifizierungen, die in den letzten Jahren in den verschiedenen Ländern vorgenommen wurden, etwa der PROCAM-Studie in Deutschland.
Diese Modifizierungen wurden notwendig, weil die Zusammensetzung der Bevölkerung sich in den meisten Ländern von der in der US-Stadt Framingham unterscheidet, die Grundlage des Framingham-Score war.
Es hat sich nämlich herausgestellt, dass neben den im Framingham-Score erfassten persönlichen Daten zu Alter, Geschlecht und den modifizierbaren Risikofaktoren Cholesterin, Blutdruck und Rauchen noch andere Faktoren für die Abschätzung der kardiovaskulären Patientendaten wichtig sind.
Hierzu zählt beispielsweise die ethnische Herkunft – Asiaten haben ein höheres Risiko – oder die sozialen Verhältnisse – in sozial schwachen Schichten ist das Risiko unabhängig von anderen Faktoren erhöht. Am günstigsten ist es deshalb, den Risikoscore in der Bevölkerung zu ermitteln, in der er später auch angewendet wird. Genau diese Möglichkeit wird durch das Führen von elektronischen Krankenakten und die Vernetzung der Praxiscomputer geschaffen.
In Großbritannien nutzen 56 Prozent der General Practioner (GP) ein Programm des Herstellers EMIS. Die Hausärzte haben in den letzten Jahren Angaben zu 2,3 Millionen Patienten im Alter von 35 bis 74 Jahren gesammelt und 140.000 kardiovaskuläre Ereignisse registriert.
Die Datenmenge stellt die Framingham-Studie weit in den Schatten. Zudem kann der von den Forschern der Universität Nottingham ermittelte Algorithmus bei Patienten in England und Wales besser als der Framingham-Score das Risiko von Herzinfarkten oder Schlaganfälle vorhersagen, wie die Epidemiologin Julia Hippisley-Cox von der Universität Nottingham jetzt belegt.
Die aktuelle zweite Version des QRISK-Scores erklärte 43 Prozent der Variationen im Herz-Kreislauf-Risiko bei Frauen und 38 Prozent bei Männern. Mit dem Framingham-Score waren es nur 39 Prozent beziehungsweise 35 Prozent.
Von den 112.156 Patienten, die nach dem Framingham-Score ein Erkrankungsrisiko von mehr als 20 Prozent hatten (was sie in England für eine Behandlung mit Statinen qualifiziert), wurden 46.094, also mehr als 40 Prozent, durch den QRISK-Scores auf ein niedrigeres Risiko heruntergestuft (was den Verzicht auf Statine und damit Einsparungen bedeutet).
Die genauere Risikoeinstufung ist vermutlich der Berücksichtigung weiterer Risikofaktoren zu verdanken. Dazu gehören beim QRISK-Scores die soziale Deprivation – sie kann wegen der starken Segregation der Bevölkerung nach arm oder reich anhand der Postleitzahl erfolgen– , der Body-Mass-Index, die Familienanamnese und die derzeitige medikamentöse Behandlung einer Hypertonie.
Erstaunlich ist, dass der Algorithmus eine präzise Vorhersage erlaubt, obwohl die GPs beim Ausfüllen der Krankenakten nicht immer sehr diszipliniert sind. Bei vielen Patienten fehlten beispielsweise die Daten zur ethnischen Herkunft der Patienten.
Ein wesentlicher Vorteil gegenüber dem Framingham-Score besteht darin, dass der Algorithmus mit einfachen Mitteln ständig aktualisiert werden kann. Man darf erwarten, dass auch für andere Erkrankungen Risikoscores entwickelt werden.
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