Politik

Gesundheitsreport 2009: Große Zweifel an Sicherung der Gesundheitsversorgung

Mittwoch, 5. August 2009

Berlin – Ärzte sowie Versicherte und Patienten blicken mit großer Skepsis auf die Zukunft der medizinischen Versorgung in Deutschland. Eine große Mehrheit hält grundlegende Reformen im Gesundheitssystem für notwendig und fürchtet eine zurückgehende Qualität in der Behandlung, hieß es in dem am Mittwoch in Berlin vorgestellten MLP-Gesundheitsreport 2009. 

Laut der vom Institut für Demoskopie Allensbach erhobenen Daten bezweifeln die Befragten allerdings, dass die Politik in der Lage ist, notwendige Korrekturen umzusetzen. „Die aktuelle Leistungsfähigkeit des Systems wird nicht in Frage gestellt, die Aussichten werden jedoch gleichermaßen negativ bewertet“, sagte Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach.

Der von der Bundesärztekammer unterstützten Umfrage zur Folge halten zwei Drittel der Bevölkerung und 81 Prozent der Ärzte Reformen für notwendig. Allerdings sehen nur 24 beziehungsweise 13 Prozent, dass in der neuen Legislaturperiode wirklich Korrekturen im Gesundheitswesen durchgesetzt werden. 

Beide Gruppen (jeweils mit 79 Prozent) bezweifeln, dass es der Politik langfristig gelingt, eine gute Gesundheitsversorgung für alle sicherzustellen. Ein negatives Urteil wird auch über die Gesundheitspolitik der aktuellen Regierung gefällt: 62 Prozent der Bevölkerung und 87 Prozent der Ärzte haben von der Arbeit „keinen guten Eindruck“. 

Patienten wie Mediziner eint zudem die Sorge um die Qualität der Gesundheitsversorgung. Insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender finanzieller Zwänge. So fürchten 41 Prozent der Bevölkerung, notwendige Behandlungen aus Kostengründen nicht mehr zu erhalten.

Noch drastischer fällt hier das Urteil der Mediziner aus: Durch den zunehmenden Kostendruck sehen 77 Prozent der Ärzte ihre Therapiefreiheit infrage gestellt. Nahezu jeder zweite Arzt äußerte, dass er sich nicht genügend Zeit für seine Patienten nehmen kann. 86 Prozent erbringen nach eigenen Angaben regelmäßig Leistungen, deren Kosten nicht übernommen werden. 

Vor diesem Hintergrund wird die von der Bundesärztekammer angestoßene Debatte über eine Prioritätensetzung bei der Erstattung von Leistungen von den Ärzten unterstützt: 63 Prozent derjenigen, die von dem Vorschlag gehört haben, befürworten die Diskussion. „Hier zeigt sich, dass die Frage nach der Priorisierung richtig ist. Und deshalb werden wir die Priorisierungsdebatte weiterführen“, kündigte Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, an. 

Die derzeitige Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems beurteilen 64 Prozent der Bürger zwar noch als „gut“ oder „sehr gut“. Doch knapp 6o Prozent haben in den vergangenen Jahren eine Verschlechterung der Versorgung festgestellt. In den kommenden zehn Jahren befürchten die Bürger weitere Einschnitte: 80 Prozent rechnen mit steigenden Beiträgen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und mehr als drei Viertel erwarten weiter steigende Zuzahlungen für Medikamente. Dass es zunehmend zu einer Zwei-Klassen-Medizin kommt, fürchten 72 Prozent der Bürger und 88 Prozent der Ärzte.

Befragt nach möglichen Vorschlägen zur Reform erhielt das Modell der Bürgerversicherung eine hohe Zustimmung: Fast jeder zweite plädiert dafür, alle Berufstätigen in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) einzubeziehen. 

Die vom Marburger Bund vorgeschlagene staatlich geförderte Eigenvorsorge, den sogenannten „Gesundheits-Riester“, bezeichneten dagegen lediglich 30 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten als „interessant“. 

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Umfrage: Immer mehr Menschen sind offenbar bereit, für die Gesundheit mehr zu zahlen: 58 Prozent der befragten Bürger wünschen sich einen möglichst umfassenden gesetzlichen Versicherungsschutz – auch wenn dafür die Beiträge steigen. Auch das Interesse an privaten Zusatzversicherungen hat weiter zugenommen: 46 Prozent erwägen den Abschluss einer Police. 1997 waren es noch 23 Prozent. 

„Die vorgestellten Ergebnisse bestätigten vor allem eins: der Solidaritätsgedanke und der Wunsch nach einem umfassenden Krankenversicherungsschutz sind weit verbreitet“, kommentierte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt die Studie. Sie bezeichnete die Bürgerversicherung als richtigen Weg, um für eine gute Versorgung auf stabiler finanzieller Grundlage zu sorgen.

Für den 4. MLP Gesundheitsreport im Auftrag des Finanz- und Vermögensberaters MLP wurden 1.832 Bundesbürger sowie 512 Ärzte befragt. © nos/aerzteblatt.de

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