9.220 News Medizin

Medizin

Laktoseintoleranz: Milch-Verträglichkeit bei Erwachsenen entstand in Zentraleuropa

Freitag, 28. August 2009

London – Die Laktase-Persistenz, die es Erwachsenen erlaubt, unvergorene Milchprodukte zu genießen, entstand vor etwa 7.500 Jahren in Zentraleuropa. Dies leitet eine Gruppe britischer und deutscher Forscher in PLoS Computational Biology (2009; 5: e1000491) aus genetischen und archäologischen Befunden ab.

Während im Säuglingsalter noch (fast) alle Menschen Laktose im Darm durch das Enzym Laktase spalten können (ein Ausfall war früher tödlich), geht diese Fähigkeit für die Mehrheit im späteren Alter verloren. Sie werden laktoseintolerant, was in den meisten Kulturen ohne Folgen ist, da die Milchwirtschaft hier keine Rolle spielt oder die Menschen gelernt hatten, Milch durch Prozesse wie Käse- oder Joghurtherstellung verträglicher zu machen.

In Mittel- und Nordeuropa hingegen hat sich in der Neusteinzeit die Milchwirtschaft ausgebreitet. Hier gibt es auch die meisten Menschen, die auch im Erwachsenenalter noch genügend Laktase bilden, um nach dem Genuss von unvergorener Milch nicht an Bauchschmerzen und Durchfall zu erkranken.

Nach Auskunft von Joachim Burger vom Institut für Anthropologie der Universität Mainz liegt die Laktase-Persistenz, also die Milch-Verträglichkeit unter Erwachsenen, in Mitteleuropa bei durchschnittlich 60 Prozent im Vergleich zu nur 20 Prozent in Südeuropa und einer nahezu kompletten Milch-Unverträglichkeit in den meisten anderen Regionen der Welt.

Die Laktase-Persistenz ist mit einer bestimmten Punktmutation im MCM6-Gen assoziiert, die sich in unmittelbarer Nähe des Laktase-Gens befindet. Der Austausch eines einzelnen Basenpaares (von Cytosin nach Thymin) soll dafür verantwortlich sein, dass Menschen auch im Erwachsenenalter noch Laktase bilden. Für die Forschung stellt sich nun die Frage, wo diese Mutation entstand und warum sie sich ausbreitete.

Um eine Antwort zu finden, hat die Gruppe um Mark Thomas vom University College London zusammen mit Mainzer Anthropologen eine Computersimulation durchgeführt. Die Rechner wurden dabei einerseits mit Daten zur Prävalenz der Punktmutation in verschiedenen Bevölkerungsgruppen gefüttert. Es wurden aber auch Erkenntnisse der archäologischen Forschung berücksichtigt.

Das Ergebnis war eine Überraschung. Ursprünglich waren die Forscher davon ausgegangen, dass die Laktase-Persistenz dort entstanden ist, wo sie heute am weitesten verbreitet ist, nämlich in Nordeuropa: In Skandinavien und Irland können 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Milchzucker verdauen. Nach den neuesten Erkenntnissen trat die Mutation jedoch zuerst in Südosteuropa im Bereich des heutigen Ungarn, Österreichs oder der Slowakei auf.

Thomas und Mitarbeiter datieren ihr Alter auf 7.450 bis 7.900 Jahre. Sie könnte sich mit der Kultur der Linearbandkeramik in Europa ausgebreitet haben. Dass dies so rasch geschah – 7.500 Jahre sind in der Evolution des Menschen ein sehr kurzer Zeitraum – führen die Forscher auf den Entwicklungsvorteil zurück. Im Gegensatz zu anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen ist Milch ständig verfügbar, aber auch die Energie, die aus einer Kuh beim Melken gewonnen wird, ist höher als die durch Schlachten, so  Burger.

Die enge Bindung an die Ausbreitung der Milchwirtschaft spricht nach Ansicht der Forscher auch gegen die Annahme, dass geografische Gründe für die hohe Prävalenz in Nordeuropa verantwortlich sind. Viele Experten gingen davon aus, dass der hohe Vitamin D-Gehalt in der Milch die in nördlichen Breiten verminderte Synthese des Hormons in der Haut kompensieren könnte. Dies deckt sich, so die jetzigen Autoren, nicht mit der Ausbreitung der Laktase-Persistenz. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige
Drucken Versenden Teilen
9.220 News Medizin

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Merkliste

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in