Los Angeles – Alkohol ist der wichtigste Risikofaktor für schwere Kopfverletzungen, doch bei den Verletzten könnte die Intoxikation nach den Ergebnissen einer retrospektiven Studie in den Archives of Surgery (2009; 144: 865-871) die Überlebenschancen verbessern.
Berichte über Autofahrer, die nur dank ihres alkoholisierten Zustands einen Verkehrsunfall überlebt haben, gehören in Bars und an Stammtischen zum Standardrepertoire für Allgemeinplätze: Meistens wird eine muskelrelaxierende Wirkung verantwortlich dafür gemacht, dass das (natürlich nicht angeschnallte) Opfer durch die Windschutzscheibe auf eine weiche Wiese katapultiert wurde, bevor das Auto der vorzeitigen Verschrottung am Unfallort zugeführt wurde.
Beweise für diese Behauptungen gibt es nicht, und Tatsache bleibt, dass Autofahrer angeschnallt und im nüchternen Zustand die besten Chancen haben, im Straßenverkehr ohne Schaden zu bleiben. Die Statistiken zeigen nämlich, was Polizei und Notärzte tagtäglich erleben: Beinahe jedes dritte tödliche Unfallopfer und jeder zweite Patient auf der unfallchirurgischen Aufnahmestation ist alkoholisiert.
Dennoch: Auch viele Mediziner kennen Fälle über alkoholisierte Patienten, die trotz eines hohen Verletzungsgrades ein Schädel-Hirn-Trauma schneller und besser überwinden als der nüchtern eingelieferte Patient mit dem gleichen Risikoprofil. Verifizieren lassen sich diese Eindrücke nur schwer, und auch die Ergebnisse von Ali Salim vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles sind nicht über alle Zweifel erhaben.
Salim hat die Daten von 38.019 Patienten aus der National Trauma Data Bank ausgewertet, welche in den Jahren 2000 bis 2005 ein schweres Schädel-Hirntrauma (Abbreviated Injury Scale 3 oder höher) erlitten hatten und deren Blutalkoholspiegel vorlag: 38 Prozent waren alkoholisiert. Die Mortalität betrug in dieser Gruppe 7,7 Prozent, während von den nicht alkoholisierten Patienten 9,7 Prozent starben.
Daraus auf eine bessere Überlebenschance zu schließen, wäre sehr oberflächlich, denn die alkoholisierten Patienten waren in der Regel jünger und der Schweregrad der Verletzung war geringer. Es könnte also andere Erklärungen als den Blutalkohol für die höhere Überlebenschance geben.
Doch auch nach Berücksichtigung dieser Faktoren ermittelte Salim ein relativ um 12 Prozent vermindertes Sterberisiko für alkoholisierte Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma (adjustierte Odds Ratio 0,88; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,80-0,96).
Dennoch ist weiterhin möglich, dass nicht alle “Bias”, die ein verzerrtes Ergebnis erklären könnten, gefunden wurden. So ist auffällig, dass nur bei etwa der Hälfte aller in der Datenbank registrierten Patienten der Blutalkoholspiegel gemessen wurde.
Das bedeutet nicht unbedingt, dass bei den ungetesteten Patienten kein Alkohol im Blut war. Bei schweren Verletzungen könnte die Laboruntersuchung häufiger “vergessen” worden sein. Oder ein nicht gemeldeter Blutalkohol könnte ein Hinweis auf eine schlechte Versorgungsqualtät an der Klinik sein. Bei retrospektiven Studien lassen sich derartige Fehler selten völlig vermeiden.
Um den Einfluss des Alkohols auf die Prognose von Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma zu untersuchen, gebe es nur eine Methode, deren Durchführung (nicht nur in den latent prohibitiven USA) unvorstellbar ist. Dies wäre eine randomisierte klinische Studie, in der ein Teil der Patienten nach der Aufnahme in die Klinik alkoholisiert würde.
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