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Wissenschaftler sehen neue Chancen in der Stammzellforschung

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Berlin – Führende deutsche Wissen­schafts­ein­richtungen haben angesichts neuer Erkenntnisse zu mehr öffentlicher Aufmerk­samkeit für die Stamm­zellforschung gemahnt. Die Reprogrammierung pluripotenter Stammzellen, die dann als „induzierte pluripotente Stammzellen“ (iPS-Zellen) bezeichnet werden, sei ein enormer Durchbruch, heißt es in einer am Donnerstag in Berlin vorgelegten Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). Änderungen am deutschen Embryonenschutzgesetz halten die Experten nicht für nötig.

Vor knapp drei Jahren gelang Forschern um die Biologen James Thomson und Shinya Yamanaka erstmals die Rückprogammierung menschlicher Hautzellen zu Stammzellen. Weitere Wissenschaftler bestätigten später diese Ergebnisse. Die iPS-Zellen können vom erwachsenen Menschen gewonnen werden und stimmen mit diesen genetisch überein.

Damit bieten sie nach allgemeiner Einschätzung Vorteile gegenüber embryonalen Stammzellen. Außerdem bestehen dabei nicht die ethischen Bedenken, die es bei der Nutzung embryonaler Stammzellen gibt. Die Stellungnahme der Akademien trägt den Titel „Neue Wege der Stammzellforschung. Reprogrammierung von differenzierten Körperzellen“.

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Die Akademien sehen langfristig auch die therapeutische Nutzung von iPS-Zellen, warnen aber zugleich vor übertriebenen Erwartungen. Im Bereich der Forschung sei deren Nutzung aber schon heute möglich.

Mit Blick auf die Kontrolle therapeutischer Anwendungen plädieren die Akademien für eine Kommission, die bei der Bundesärztekammer (BÄK) angesiedelt sein sollte und mit dem Robert-Koch-Institut kooperieren könnte. Sie verweisen auf eine vergleichbare BÄK-Kommission, die nach Inkrafttreten des Embryonenschutzgesetzes von 1990 den Umgang mit Embryonen standesrechtlich kontrolliert. Eine gesetzliche Regelung sei nicht erforderlich.

BBAW-Präsident Günter Stock sagte, auch die neuen Erkenntnisse belegten den Rang und die Notwendigkeit der Forschungsfreiheit. Sie seien in Ländern gemacht worden, die nicht so strikte Vorgaben wie Deutschland machten. Es zeige sich erneut, dass Wissenschaftler mit der Forschungsfreiheit „außerordentlich zurückhaltend und vorsichtig“ umgingen.

Leopoldina-Präsident Volker ter Meulen sprach von einer „phänomenalen“ Technologie, die völlig neue Perspektiven aufzeige. Die Gaterslebener Gen-Forscherin Anna M. Wobus sagte, sie sehe großes Potenzial für regenerative Medizin. Es sei nun möglich, „künstliche Pluripotenz“ zu erzeugen.

Zugleich blieben aber embryonale Stammzellen der „Goldstandard“ der Forscher. Nach Einschätzung des Berliner Humangenetikers Karl Sperling dauert es „sicher ein Jahrzehnt“, bis es gelingen werde, eventuell therapeutisch nutzbaren Gewebeersatz für den Menschen zu erreichen. Er schloss im Prinzip eine Nutzung auch gegen Infertilität oder schwere Krankheiten wie Querschnittlähmung oder Leukämie nicht aus.

Sperling warnte zugleich vor einer zu strikten ethischen Bewertung der neuen Möglichkeiten. In Deutschland erlebe man immer wieder, wie eine Gesinnungsethik dominiere, die aber für die Komplexität der Arbeiten nicht ausreiche und zu Heuchelei führe. Es sei wichtig, sich der stärker abwägenden Verantwortungsethik zu stellen. kna © kna/aerzteblatt.de

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