Rockville – Ein Impfstoff gegen HIV ist weiterhin nicht in Sicht. Die Ergebnisse der RV144-Studie, in der ein kombinierter Impfstoff erstmals in der Lage war, das Risiko einer Ansteckung zumindest leicht zu senken, bietet jedoch neue Ansatzpunkte für die Suche nach einem verbesserten Impfstoff, erklärten US-Wissenschaftler auf der AIDS Vaccine 2009 Conference in Paris, wo Details zu der Studie vorgestellt wurden, die zeitgleich im New England Journal of Medicine (NEJM 2009; doi: 10.1056/NEJMoa0908492) erschienen.
Die Ergebnisse der RV144-Studie waren bereits Ende September auf einer Pressekonferenz in Bangkok vorgestellt worden. Die Gruppe um Supachai Rerks-Ngarm vom Thailändischen Gesundheitsministerium hatte damals verkündet, dass die kombinierte Impfung mit Avac®-HIV von Sanofi-Aventis-Pasteur gefolgt von einer Boosterung mit Aidsvac® von Vaxgen, das Risiko einer Ansteckung signifikant um 31,2 Prozent senkt.
Die jetzt publizierten Daten zeigen, dass dieses Ergebnis nur knapp das Signifikanzniveau erzielte (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,1-51,2 Prozent; p= 0,04). Es handelt sich außerdem um eine modifizierte Intention-to-treat-Analyse, bei der nachträglich sieben Rekruten ausgeschlossen wurden, die zu Beginn der Studie bereits HIV-infiziert waren.
Da bei ihnen eine Schutzwirkung nicht mehr möglich war, erscheint die Datenmanipulation vertretbar. Allerdings muss man sich fragen, warum diese Rekruten überhaupt an der Studie teilnehmen durften. In der ursprünglichen Intention-to-treat-Analyse – sie umfasste alle 16-402 Teilnehmer unabhängig davon, ob sie den Impfstoff auch wirklich erhielten – und in der Per-Protocol-Analyse der 12.453 Teilnehmer, die nach Plan (mit Verum oder Placebo) geimpft wurden, war die Schutzwirkung nicht signifikant, also ein Zufallsergebnisse nicht auszuschließen.
Aber auch abgesehen von diesen methodischen Bedenken, kennzeichnen die Ergebnisse keinen Durchbruch für die klinische Medizin. Dies hatte das US-National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), neben der US-Armee und den Herstellern einer der Sponsoren, bereits Ende September klargestellt.
Denn die Reduktion des Infektionsrisikos um ein Drittel bietet keinen wirklichen Schutz vor einer Infektion, und sie ist kein Ersatz für andere präventive Maßnahmen (Safer Sex), die auch von den Teilnehmern der Studie praktiziert wurden, was die geringe Zahl der Infektionen erklärt: Von den Geimpften steckten sich 51 mit dem Immunschwächevirus an, im Placebo-Arm waren es 74.
Die geringe Infektionsrate erklärt sich auch daraus, dass die Rekruten keiner Hochrisikogruppe angehörten, wie dies bei den früheren Studien der Fall war, wie der Editorialist Raphael Dolin von der Harvard Medical School in Boston anmerkt (NEJM 2009; doi: 10.1056/NEJMe0909972).
Dennoch wurden die Ergebnisse jetzt allgemein positiv bewertet. Nach 26 Jahren fruchtloser Versuche gibt es erstmals wieder die Spur einer Hoffnung, dass ein Impfstoff möglich ist. Die US-Armee kündigte weitere Studien an. Die Entwicklung eines Impfstoffes soll jetzt wieder beschleunigt vorangetrieben werden, nachdem es vor kurzem noch so aussah, als seien alle Bemühungen umsonst.
Den Tiefpunkt erlebte die Forschung 2007, als die Erprobung eines zunächst vielversprechenden Impfstoffs des US-Pharmaunternehmens Merck gestoppt wurde, weil es unter der Impfung zu mehr Infektionen gekommen war als im Placebo-Arm.
Ob die jetzt neu aufgekeimten Hoffnungen berechtigt sind, ist offen. Auch mit der Publikation bleiben viele Fragen ungeklärt, beispielsweise warum die Impfung bei den Patienten, die sich trotzdem mit HIV infizierten, keinen Einfluss auf das Ausmaß der Virämie oder oder die Zahl der CD4-Zellen hatte. Dies hätte man eigentlich auch von einem schwach wirkenden Impfstoff erwartet.
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