Medizin

Adipositas: Antidiabetikum lässt Pfund purzeln

Freitag, 23. Oktober 2009

Kopenhagen – Eine Nebenwirkung des oralen Antidiabetikum Liraglutid, seit Anfang des Jahres zur Behandlung des Typ-2-Diabetes mellitus zugelassen, könnte auch für Nichtdiabetiker neue Therapieperspektiven eröffnen. In einer randomisierten Studie im Lancet (2009 doi: 10.1016/S0140- 6736(09)61375-1) senkte der Wirkstoff das Körpergewicht von Nicht-Diabetikern stärker als Orlistat.

Liraglutid ist wie Exenatid ein Analogon des „glucagon-like peptide-1“ GLP-1. Dieses Hormon wird in den L-Zellen des terminalen Ileums gebildet. Es wird nach den Mahlzeiten freigesetzt und stimuliert unter anderem die Produktion von Insulin in der Bauchspeicheldrüse.

Diese Wirkung wird bei der Behandlung des Typ-2-Diabetes mellitus ausgenutzt. In den klinischen Zulassungsstudien zeigte sich, dass Liraglutid und Exenatid das Körpergewicht senken, was auf eine Verzögerung der Magenentleerung und eine Hemmung von Appetit und Durstgefühl zurückgeführt wird.

Die Wirkung mag unter Liraglutid etwas stärker sein. Im direkten Vergleich senkte es das Körpergewicht von Typ-2-Diabetikern um 3,2 kg, unter der Therapie mit Exenatid nahmen die Patienten 2,9 kg ab (Lancet 2009; 374: 39-47). Damit bieten beide Wirkstoffe keinen Vorteil gegenüber Orlistat, das seit 1998 als Adipositasmedikament zugelassen ist und seine Wirkung im Darm erzielt. Außerdem sind Liraglutid und Exenatid nicht oral verfügbar. Beide müssen subkutan injiziert werden.

Ob sie deshalb von Adipösen als Therapie akzeptiert werden, ist fraglich. Die jetzt vorgestellten Ergebnisse einer vom Hersteller gesponserten Phase-II-Studie zeigen aber, dass Liraglutid (das Konkurrenzprodukt Exenatid wurde nicht getestet) auch bei Nicht-Diabetikern das Körpergewicht senkt und zwar deutlich stärker als Orlistat.

An der Studie beteiligten sich 564 adipöse Frauen und Männer (Verhältnis 3 zu 1) im Alter von 18 bis 65 Jahren und einem Body-Mass-Index zwischen 30 und 40 kg/m2. Verglichen wurden vier verschiedene Dosierungen von Liraglutid (von 1,2 bis 3,0 Milligramm) mit Placebo sowie mit der dreimal täglichen Einnahme von Orlistat.

Alle Teilnehmer mussten zudem eine kalorienreduzierte Diät einhalten, die in etwa 500 Kilokalorien weniger enthielt, als die Probanden täglich benötigten. Darüber hinaus wurde ihnen eine vermehrte körperliche Aktivität verordnet.

Während der 20-wöchigen Studienphase speckten deshalb die Teilnehmer aller Therapiearme ab. Die Gewichtsabnahme betrug unter Placebo 2,8 kg, unter der Orlistatbehandlung waren es im Durchschnitt 4,1 kg. Das Ergebnis blieb damit hinter Liraglutid in der niedrigsten Dosierung zurück, die das Gewicht um 4,8 kg reduzierte.

Unter der höchsten Dosierung verloren die Teilnehmer sogar 7,2 kg, was sich bei einem Ausgangsgewicht von fast 100 kg durchaus bemerkbar macht, auch wenn die Teilnehmer am Ende natürlich weiter adipös waren.

Anzeige

Liraglutid hatte jedoch noch einen Zusatznutzen. Zu Beginn der Studie war nämlich etwa ein Drittel der Teilnehmer prä-diabetisch – definiert als grenzwertig erhöhte Nüchternblutzuckerwerte oder einen pathologischen oralen Glukosebelastungstest. Die Therapie mit dem oralen Antidiabetikum senkte den Anteil der Prädiabetiker um 84 bis 96 Prozent. Außerdem wirkte sie sich günstig auf den Blutdruck aus.

Leider war die Verträglichkeit nicht optimal. Unter der höchsten Dosierung kam es anfangs bei über 30 Prozent zur Übelkeit. Sie besserte sich zwar bei den meisten Patienten im Verlauf der Studie und führte niemals zum Abbruch.

Es dürfe jedoch ein gewisser Leidensdruck notwendig sein, um die Patienten von der Notwendigkeit einer Therapie zu überzeugen, zumal die täglichen subkutanen Injektionen hinzukommen.

Außerdem dürften die Zulassungsbehörden weitere Ergebnisse aus Phase-III-Studien einfordern, bevor sie einer Erweiterung der Zulassung zustimmen, sofern diese überhaupt angestrebt wird. Dem Hersteller waren die Ergebnisse der Studie jedenfalls keine Pressemitteilung wert. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

adonis
am Freitag, 30. Oktober 2009, 07:51

@PHilRS

Tumorkachexie führt auch zur Gewichtsabnahme!!!
PhilRS
am Dienstag, 27. Oktober 2009, 09:05

Fragwürdige Resultate

Wie hier zutreffend beschrieben, dürfte ein injizierbares Antiadipositum für die Masse der Adipösen kaum in Frage kommen. Ziel dieser Marketingstudie ist wohl eher die Steigerung der Liraglutid-Verschreibungen an Diabetiker: Schon in den "LEAD"-Zulassungsstudien war eine Gewichtsreduktion beobachtet worden. Da trifft es sich gut, dass man jetzt eine explizit auf die Senkung des Körpergewichts abstellende Untersuchung vorzuweisen hat.

Ob das aber reicht, das Image eines Medikaments aufzupolieren, das immerhin unter gewichtigem Karzinogenitätsverdacht steht (arznei-telegramm Nr. 9, 2009; 40: 80-2)?

Die Studie selbst ist mit Vorsicht zu genießen: Die Orlistat-Gruppe war nicht verblindet, diese Patienten erhielten Kapseln, während die restlichen Teilnehmer Injektionen bekamen. Der größere Gewichtsverlust gegenüber Orlistat ist also eher von anekdotischem Wert.

Die mögliche Entblindung durch Störwirkungen schränkt die Aussagekraft dieser Studie weiter ein. Unter Liraglutid waren Übelkeit und Erbrechen ca. 5-10mal so häufig wie unter Placebo, besonders in den Anfangswochen der Behandlung (Abb. 5 u. Tab. 5 im Paper). Unter der höchsten Liraglutid-Dosis klagte jeder 2. Patient (47,3%) über Übelkeit, unter Placebo nur jeder 20. (5,1%).

Wem also nützt so eine Studie, wenn nicht der Forschung oder den Patienten?

Genau.
5.000 News Medizin

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige