Medizin

Allergierisiko Impfstoff: Schwedische Erfahrungen mit der Schweinegrippe

Montag, 2. November 2009

Cincinnati – Die bevorstehenden Massenimpfungen gegen die Schweinegrippe werden zwangsläufig zu vermehrten Meldungen von Verdachtsfällen unerwünschter Reaktionen (UAW) führen, sagen Experten im Lancet (2009; doi:10.1016/S0140-6736(09)61877-8) voraus. Erste Erfahrungen aus Schweden bestätigen diese Vermutung.

In den USA wurden im Jahr 1976/77 schon einmal etwa 100 Millionen Menschen gegen eine Schweinegrippe geimpft. Die Kampagne wurde damals abgebrochen, nachdem die befürchtete Epidemie ausblieb und es zu einer vermehrten Zahl von Gullian-Barré-Syndromen gekommen war, die später teilweise auf die Impfung zurückgeführt wurden (Am J Epidemiol 1979; 110: 105-23).

Ob zu Recht oder nicht, dürfte unter Epidemiologen umstritten sein. Sicher scheint es Steven Black von der Universität in Cincinnatti dagegen, dass es auch im Rahmen der aktuellen Impfkampagne zu UAW wegen Gullian-Barré-Syndromen kommen wird. Dies ergibt sich zwangsläufig auf der Hintergrundhäufigkeit dieser entzündlichen Erkrankung der peripheren Nerven, die zu schweren, wenn auch reversiblen Lähmungen führt. Die Erkrankung tritt auch in Zeiten ohne Impfkampagnen mit einer Häufigkeit von 1 zu 100.000 pro Jahr in der Bevölkerung auf.

Wenn in Großbritannien in den nächsten Wochen 10 Millionen Menschen sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen, werde es allein aufgrund der Hintergrundhäufigkeit innerhalb der ersten 6 Wochen nach der Impfung zu 21,5 Guillain-Barré Syndrom-Erkrankungen kommen. Hinzu kämen noch einmal 5,75 plötzliche Todesfälle ohne erkennbare Ursache.

Aufgrund von US-Zahlen rechnet Black innerhalb der ersten 6 Wochen außerdem mit 86,3 Fällen einer Neuritis nervi optici, ein bekanntes Initialsymptom der multiplen Sklerose, unter 10 Millionen geimpften Frauen. Und auf eine Million geimpfter Schwangerer kämen 397 Spontanaborte innerhalb eines Tages nach der Impfung.

Es dürfte schwierig sein, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass diese Erkrankungen nicht Folge der Impfung sind. Und auch den Behörden dürfte es schwer fallen im Einzelfall zwischen einer Kausalität und zufälliger Koinzidenz zu unterscheiden, wie erste Berichte aus Schweden zeigen.

Dort sind bereits 1,4 Millionen Dosen des Impfstoffes Pandemrix ausgeliefert worden. Wie viele davon verabreicht wurden, ist unklar. Bei der zuständigen Arzneibehörde Läkemedelsverket häufen sich jedoch bereits die UAW-Meldungen. Im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung verstarben fünf Patienten. Der Tod trat zwischen 12 Stunden und 4 Tage nach der Impfung auf.

Bei allen 5 Patienten lagen chronische Erkrankungen vor, die als Erklärung für den Todesfall infrage kommen, sodass die Behörde keinen Anlass hat, hier einen kausalen Zusammenhang mit der Impfung zu vermuten.

Unter den etwa 200 UAW-Meldungen der Ärzte – zusätzlich trafen 400 bis 500 Meldungen aus der Bevölkerung ein – befindet sich noch keiner der genannten neurologischen Zwischenfälle. Beachtenswert sind aus Sicht des deutschen Paul-Ehrlich-Instituts, dass es bei 37 Patienten zu allergischen Reaktionen kam. Darunter befanden sich 15 schwerwiegende Zwischenfälle. Die schwedische Behörde sieht bei vier anaphylaktischen Reaktionen einen kausalen Zusammenhang mit der Impfung. In einem fünften Fall wurde kein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung gesehen.

Die Patienten wurden mit Adrenalin, Kortikosteroiden und Antihistaminika behandelt. In keinem Fall kam es zu einem anaphylaktischen Schock. Die schwedische Behörde gibt an, dass bei zwei Patienten eine Hühnereiweißallergie bekannt war, davon hat zumindest ein Patient eine anaphylaktische Reaktion erlitten.

Auch wenn die Beurteilung der schwedischen Behörde erst vorläufig sein könne, rät das Paul-Ehrlich-Institut den Ärzten die Indikation einer Impfung bei Personen mit bekannter Hühnereiweißallergie sehr sorgfältig zu stellen. © rme/aerzteblatt.de

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adonis
am Dienstag, 3. November 2009, 11:48

Gibt es sogar in Englisch.

http://www.lakemedelsverket.se/english/All-news/NYHETER---2009/Summary-of-the-information-published-on-the-MPA-website-Oct-29-2009-regarding-adverse-drug-reaction-reports-in-Sweden-with-Pandemrix--the-influenza-A-H1N1-vaccine/
adonis
am Dienstag, 3. November 2009, 11:47

Links für Interessierte:

http://www.krisinformation.se/web/Pages/NewsPage____31769.aspx
http://www.lakemedelsverket.se/Alla-nyheter/NYHETER-2009/Sammanstallning-av-inrapporterade-biverkningar-av-Pandemrix---vaccinet-mot-influensa-AH1N1/
adonis
am Dienstag, 3. November 2009, 11:41

Die Ärzteblattredaktion mit der Glaskugel

Leute!!! Da werden Prognosen über das Auftreten von Guillain-Barré Syndrom-Erkrankungen gegeben. Und in Schweden werden ja definitionsgemäss Todesfälle in einem Zeitraum nach der Impfung gemeldet. Ob diese wirklich im Zusammenhang damit stehen, ist bislang nicht untersucht. Schreiben Sie doch nicht so einen Unsinn!!!
Ob Spezialist bei RKI oder Smittskyddsinstitut oder als kleiner Hausarzt in der Prärie: Wir sind alle gleich klug oder dumm. Im nächsten Sommer sind wir alle klüger. Leider ist es so. Nun hat man sich in Schweden und in D zur Impfung entschlossen. Man sollte es nun auch durchführen. Alle unsere Privatmeinungen helfen nicht weiter. Sogar Monti hat sich nun für die Impfung entschieden. Hätte man nicht geimpft, dann hätte man geschrieen, dass nicht genug getan wurde. Also Arschbacken zusammenkneifen und durch!!!
Bretscher
am Montag, 2. November 2009, 22:51

5 Tage später

als die taz und faz berichtet jetzt auch unser Ärzteblatt von den Erfahrungen mit UAW-Meldungen zur Schweinegrippeimpfkamagne in Schweden. 5 Tote im Umfeld der Impfung werden von den Behörden zunächst korrekt als nicht sicher der Impfung zuordenbar eingestuft (es bleibt zu hoffen, dass einige deren Mitarbeiter entgegen dem mainstream der eigenen Regierung tatsächlich genauer nachforschen). In Deutschland werden Behördenmeldungen von Todesfällen in Assoziation mit H1N1 trotz deren Hinweis der unzureichenden Beweislage als sicherer Schweinegrippentodesfall deklariert und solange als solcher verkündet, bis keiner mehr nachfragt. Wie man´s eben gerade brauchen kann....
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