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Wie der Mensch den Herzschlag spürt

Dienstag, 3. November 2009

Iowa City – Herzklopfen wird nicht nur mit dem „inneren Auge“, sondern auch über die Haut auf der Brust wahrgenommen, haben Forscher in Nature Neuroscience (2009; doi: 10.1038/nn.2411) festgestellt.

Die Frage der Körperwahrnehmung hat bereits den französischen Philosophen René Descartes beschäftigt. Cogito ergo sum, lautete seine pauschale Antwort, die Hirnforscher schon lange nicht mehr zufrieden stellt. Sie suchen nach den Zentren, in denen die interozeptive Wahrnehmung, das „Körperbewusstsein“ beheimatet ist.

Viele Forscher glauben, sie in der Insula gefunden zu haben, jenem eingesenkten Teil der Großhirnrinde, der von der Opercula aus Teilen des Frontal-, Parietal und Temporallappen überdeckt wird. Nicht weit entfernt, im anterioren Cingulum (anterior cingulate cortex, ACC) vermuten die Forscher ein Zentrum für die viszerale Wahrnehmung, zu der beispielsweise der Herzschlag gehört, dessen beschleunigte Frequenz als Herzpochen empfunden wird.

In der Wissenschaft gilt eine Hypothese nur so lange, bis sie widerlegt ist. Den Gegenbeweis, dass Insula und ACC nicht der Sitz der Körperwahrnehmung sein können, schien ein Patient zu liefern, den Hirnforscher der Universität in Iowa City seit Jahren untersuchen.

„Roger“, wie er in der Pressemitteilung genannt wird, war 1980 an einer schweren Herpes simplex-Enzephalitis erkrankt. Die Infektion zerstörte weite Areale des Großhirns, darunter auch den größten Teil der Insula und die ACC.

Doch Roger war in der Lage, sein Herzpochen wahrzunehmen, wie die Experimente zeigen, die Sahib Khalsa und Mitarbeiter der Universität in Madison durchführten. Sie injizierten Roger und 11 gesunden Probanden ein synthetisches Adrenalin, das die Herzfrequenz kurzfristig stark beschleunigte, was die elf gesunden Probanden, aber auch Roger bemerkten, ohne ihren Puls abzutasten.

Roger nahm das Herzrasen zwar mit einer gewissen Verzögerung, aber zuverlässig wahr, berichten die Forscher. Dennoch konnte Khalsa die Hypothesen der Hirnforscher retten. Vor einem zweiten Experiment applizierte er auf Rogers Brust ein Lokalanästhetikum. Jetzt spürte Roger das Herzklopfen nicht mehr.

Bei den gesunden Probanden war dies anders. Bei ihnen lähmte das Lokalanästhetikum die Körperwahrnehmung nicht. Sie waren weiter in der Lage, ein Herzrasen wahrzunehmen. Daraus schließen die Forscher, dass es zwei Zentren der Körperwahrnehmung gibt, eines in Insula und im ACC, das andere in somatosensorischen Zentren.

Die Forscher vermuten, dass nicht der Herzschlag selber, sondern die Vibrationen auf der Brustwand, vielleicht auch das dadurch ausgelöste Pulsieren von Blutgefäßen für die Wahrnehmung verantwortlich ist. © rme/aerzteblatt.de

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