Bethesda – Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht ist ein niedriger Cholesterinwert kein Krebsrisiko. Zwei Studien in Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention (CEBP) weisen eher auf eine protektive Wirkung hin. Ob dies eine präventive Statintherapie rechtfertigt, ist jedoch offen.
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In den 80er-Jahren war in einer Reihe von epidemiologischen Studien eine Assoziation zwischen einem niedrigen Cholesterinwert und einem erhöhten Krebsrisiko aufgefallen, was damals für Aufregung sorgte, da gleichzeitig wirksame Medikamente zur Senkung des Cholesterinwerts eingeführt wurden.
Heute gehen viele Epidemiologen davon aus, dass die Assoziation eine „reverse“ Kausalität anzeigt in dem Sinne, dass Krebserkrankungen im Frühstadium den Cholesterinwert senken. Dafür spricht, dass in den Studien zur Behandlung der Hypercholesterinämie mit Statinen kein erhöhtes Krebsrisiko aufgefallen ist.
Um eine „reverse“ Kausalität zu belegen, wurden die Beobachtungsstudien erneut ausgewertet. Dabei wurden Teilnehmer aus den ersten Jahren ausgeschlossen, um eine Verzerrung durch subklinische Krebserkrankungen zu vermeiden.
Doch auch nach den ersten 5 Jahren, in einer Studie auch nach 6 Jahren, war noch eine Assoziation zwischen niedrigem Cholesterin und vermehrten Krebserkrankungen nachweisbar. Erst nach 9 Jahren kommt es zu einer Veränderung, wie jetzt Demetrius Albanes vom US-National Cancer Institute an der Kohorte der Alpha-Tocopheral, Beta-Carotene Cancer Prevention Study nachweist (CEBP 2009; 18: 2814–21).
Es handelte sich ursprünglich um eine randomisierte Studie, die den Wert einer präventiven Wirkung von Vitamin E oder Beta-Caroten bei Rauchern zeigen sollte – das misslang, Beta-Caroten erhöhte sogar das Lungenkrebsrisiko.
Seit dem Abschluss werden die Patienten weiter beobachtet. Über die Gesamtzeit von 18 Jahren hatten Teilnehmer mit niedrigen Cholesterinwerten weiterhin ein erhöhtes Krebsrisiko, doch dieser Einfluss war nicht mehr vorhanden, wenn die ersten 9 Jahre aus der Analyse herausgenommen wurden.
Dies bewertet Eric Jacobs von der American Cancer Society in Atlanta in einem Editorial als Beleg für die „reverse“ Kausalität (CEBP 2009; 18: 2805-2806). Albanes hatte außerdem herausgefunden, dass eine hohe Konzentration des „guten“ HDL-Cholesterins mit einer niedrigeren Krebshäufigkeit einherging, was Jacobs aber eher als Folge anderer Krebsrisiken, etwa einer hohen Insulinkonzentration oder einer Entzündungsreaktion, deutet, denn als Hinweis auf eine krebsprotektive Wirkung des HDL-Cholesterins.
Bemerkenswert sind die Ergebnisse einer weiteren Studie, in der die Epidemiologin Elizabeth Platz von der Bloomberg School of Public Health in Baltimore noch einmal die Daten des Prostate Cancer Prevention Trial ausgewertet hat. Diese Studie hatte untersucht, ob die Einnahme von Finasterid das Risiko eines Prostatakarzinoms senken kann, was tatsächlich der Fall war. Den gleichzeitigen Anstieg von aggressiven Tumoren mit einem erhöhten Gleason-Score deuten Experten heute als Artefakt.
Platz fand nun heraus, dass Teilnehmer im Placebo-Arm der Studie deutlich seltener an aggressiven Prostatakarzinomen (Gleason 8 bis 10) erkrankten, wenn ihr Cholesterinwert niedrig (200 ml/dl oder weniger) war (CEBP 2009; 18: 2807-2813).
Die Assoziation war ausgesprochen deutlich: Eine Odds Ratio von 0,41 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,22-0,77) könnte bedeuten, dass Menschen mit einem niedrigen Cholesterinwert weniger als halb so häufig an einem aggressivem Prostatakarzinom erkranken. Da bei allen Teilnehmern der Studie am Ende eine Prostatabiopsie durchgeführt wurde, ist es unwahrscheinlich, dass Krebserkrankungen übersehen wurden.
Dennoch wäre es verfrüht, aus der Studie den Schluss zu ziehen, dass Statine einem Prostatakrebs vorbeugen. Dies müsste zunächst einmal in einer langjährigen Interventionsstudie untersucht werden. Die Pharmaindustrie dürfte wegen des in diesen Jahren ablaufenden Patentschutzes vieler Statine kein Interesse an einer derartigen Studie haben.
Ob die öffentlichen Krebsforschungsinstitute eine Studie zustande bringen, erscheint angesichts der (wegen des langsamen Wachstums des Prostatakrebs) sehr langen Studiendauer fraglich. Jacobs regt im Editorial eine Studie an, in jene Patienten im Frühstadium der Krebserkrankung, die sich gegen eine Operation und für eine abwartende Haltung entscheiden, mit Statinen oder Placebo behandelt werden.
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