Bergen – Die Anreicherung von Mehl mit Folsäure, die nachweislich die Zahl der Neuralrohrdefekte senkt, könnte auf der anderen Seite zu einem Anstieg von Krebserkrankungen in der Bevölkerung führen. Hinweise liefert die Nachbeobachtung von zwei randomisierten Studien im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2009; 302: 2119-2126).
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In Nordamerika wird seit 1998 dem Mehl Folsäure zugesetzt, dessen Mangel in der Frühschwangerschaft als wesentliche Ursachen von Neuralrohrdefekten gilt. In Kanada hat sich seither die Zahl der Kinder, die mit Spina bifida oder anderen Spaltbildungen zur Welt kommen, halbiert (NEJM 2007; 357: 135-142).
Experten erhofften sich auch eine günstige Auswirkung auf die Krebsinzidenz. Epidemiologische Studien hatten eine inverse Assoziation zwischen der Folatzufuhr und Kolorektalkarzinomen gezeigt. Es gab jedoch auch Stimmen, die vor einer krebsfördernden Wirkung des Vitamins warnten, das für die Bildung der DNA-Bausteine benötigt wird und deshalb das Zellwachstum fördert.
Diese Sorgen werden jetzt durch eine Analyse der Kardiologin Marta Ebbing von der Haukeland Universitätsklinik in Bergen bestätigt. Es handelt sich um zwei Studien, in denen kardiale Patienten mit verschiedenen Kombinationen aus Folsäure und anderen B-Vitaminen behandelt worden waren.
Davon versprach man sich eine Senkung des Homocysteinspiegels, der als kardialer Risikofaktor eingestuft wurden. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. Doch schon bei der Publikation der beiden Studien (NEJM 2006; 354: 1578-1588 und JAMA 2008; 300: 795-804) war ein Trend zu häufigeren Krebserkrankungen bei den Patienten aufgefallen, die mit Folsäure behandelt wurden.
Ebbing hat das Schicksal der Teilnehmer aus den beiden Studien nachrecherchiert und nach einer medianen Nachbeobachtung von 39 Monaten einen jetzt statistisch signifikanten Anstieg der Krebshäufigkeit (um 21 Prozent, p=0,02), aber auch der Krebssterblichkeit (um 38 Prozent, p=0,01) ermittelt. Am meisten scheint das Risiko von Lungenkrebs zuzunehmen.
Dies würde nach den Berechnungen der Editorialistin Bettina Drake von der Washington University in St. Louis bedeuten, dass es infolge der Folsäurebehandlung zu 3,5 zusätzlichen Krebserkrankungen auf 1.000 Personen und Jahr kommt, darunter ein zusätzlicher Lungenkrebs auf 1.000 Personen und Jahr.
Die zusätzlichen Krebstodesfälle gibt sie mit 1,7 pro 1.000 Personen und Jahr an. Das wäre ein substanzieller Anteil an der Gesamtkrebsinzidenz und -sterblichkeit. Da in den USA (vor allem wegen der sinkenden Zahl der Raucher) die Krebssterblichkeit seit einigen Jahren rückläufig ist, sieht Drake zurzeit keinen Grund, die Folsäure-Substitution infrage zu stellen.
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In der Fachliteratur wird weiterhin diskutiert, wo Folsäure möglicherweise ansetzt. Bei einer Beobachtungszeit von max. drei Jahren ist bei den i.d.R. langsam wachsenden Tumoren nicht davon auszugehen, daß eine durch Folsäure entartete Zelle sich bereits bis zum manifesten Tumor hat propagieren können. Sehr wohl ist aber plausibel, daß bereits bestehende Kleinsttumore in der Folsäure einen Wachstumsfaktor vorfinden, mit dessen Hilfe sie sich schneller ausbreiten können. Es würden somit nicht mehr Tumore entstehen, die vorhandenen würden lediglich schneller manifest werden.
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