Aachen – Vor einer Vermischung von aktiver Sterbehilfe und Palliativmedizin hat der Präsident der Europäischen Vereinigung für Palliativmedizin (EAPC), Lukas Radbruch, gewarnt. Er verwies am Wochenende beim „Aachener Hospizgespräch“ auf Forderungen einer Gruppe belgischer Ärzte, die aktive Sterbehilfe in die Palliativversorgung sterbenskranker Menschen integrieren wollen. Damit drohe diesem Zweig der Medizin ein großer Glaubwürdigkeitsverlust.
Nach Darstellung Radbruchs, der Direktor der Klinik für Palliativmedizin an der Uniklinik Aachen ist, gibt es in allen europäischen Ländern große Defizite bei der palliativmedizinischen Versorgung von Demenzpatienten. Bei den Hilfen für sterbenskranke Tumorpatienten bestehe eine große Kluft zwischen west- und osteuropäischen Ländern: Gerade in den baltischen Ländern gebe es kaum Hilfen für Sterbende. Andererseits seien Polen, Ungarn und Rumänien „Leuchttürme“ bei der Versorgung der Schwerstkranken.
Umgekehrt seien selbst grundlegende Voraussetzungen wie der Zugang zu Opium-Präparaten zur Schmerzbekämpfung in westlichen Ländern wie Portugal oder Griechenland nicht immer gewährleistet. Außerdem gibt es nach Darstellung des EAPC-Präsidenten auch in anderen westeuropäischen Ländern Versorgungslücken in den ländlichen Gebieten. Spitzenreiter bei der Palliativmedizin sind nach Darstellung Radbruchs Großbritannien und Irland.
Unterdessen plädierte der Münchener Palliativmediziner Gian Domenico Borasio für eine „Wiederentdeckung des natürlichen Todes in der Medizin“. Vieles, was Ärzte heute an Sterbenden täten, störe den natürlichen Prozess des Sterbens, sagte der Medizinprofessor der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.
So hätten die meisten Ärzte und Pfleger Angst, dass ihre Patienten verdursteten oder verhungerten. In Wirklichkeit brächten aber künstliche Beatmung, künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr in vielen Fällen keinen Nutzen mehr für den Sterbenden, sondern nur noch mehr Nebenwirkungen.
Laut Borasio sind Geburt und Tod vergleichbare Ereignisse, für die die Natur bestimmte Programme vorgesehen habe. „Diese natürlichen Prozesse laufen dann am besten ab, wenn sie von Ärzten möglichst wenig gestört werden.“ In vielen Fällen müssten Ärzte und Pfleger sich wie „Hebammen für das Sterben“ verhalten.
Palliativmedizin meint die Versorgung sterbenskranker Menschen durch medizinische, psychologische und geistliche Betreuung. Die Behandlung ist dabei nicht mehr auf Heilung, sondern auf möglichst hohe Lebensqualität und Schmerzbekämpfung in der letzten Lebensphase ausgerichtet.
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