Suchen in

  • Archiv
  • News
  • Foren
  • Blogs
  • Preise
6.534 News Medizin

Medizin

Kontroverse um Evidenz der Tamiflu®-Wirkung

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Rom – Die Wirkung von Neuraminidase-Hemmern bei der Grippe ist weniger gut belegt, als vielfach angenommen. Die Autoren einer Meta-Analyse beklagen sich im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2009; 339: b5106)über die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Herstellers von Oseltamivir (Tamiflu®) und revanchieren sich mit einer Publikation, die wichtige Aspekte der Wirkung infrage stellt.
Anzeige

Viele Industrieländer haben in den letzten Monaten große Mengen des Neuraminidasehemmers Oseltamivir (Tamiflu®) eingekauft und für den Fall einer schweren Grippe-Pandemie eingelagert. Zu den wissenschaftlichen Grundlagen für diese Entscheidung gehörte eine Meta-Analyse über zehn Studien, die Laurent Kaiser vom Kantonsspital Genf und Mitarbeiter in den Archives of Internal Medicine (2003; 163: 1667-72) veröffentlicht hatten.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Oseltamivir die Rate der influenzabedingten Komplikationen in den unteren Atemwegen (also Bronchitis und Pneumonie) um 55 Prozent senkt. Das ist für den Hersteller ein stärkeres Verkaufsargument als die Linderung der Grippesymptome oder die Verkürzung der Erkrankungsdauer um wenige Tage.

Alle Studien, welche die Meta-Analyse berücksichtigte, waren, wie das BMJ berichtet, vom Hersteller oder von bezahlten Gutachtern durchgeführt worden. Nur zwei Studien waren publiziert, die Ergebnisse der anderen acht Studien waren teils als Abstracts in Kongressbänden oder gar nicht verfügbar.

Eine frühere Einschätzung der Cochrane Acute Respiratory Infections Group um Tom Jefferson von der Cochrane Acute Respiratory Infections Group in Rom (Cochrane Database Syst Rev 2006; 3: CD001265) hatte sich im Wesentlichen auf die Meta-Analyse von Kaiser gestützt, was damals zu Kritik geführt hatte.

Für die aktuelle Analyse bemühte sich Jefferson nun um die Rohdaten der übrigen Studien. Von den Autoren wurde er an den Hersteller verwiesen, der allerdings die Anfragen nicht in der gewünschten Form beantwortete. In einem Hintergrundbericht beklagt sich Mitautor Peter Doshi vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, einer der Mitautoren der aktuellen Analyse, über die zögerliche Haltung des Konzerns  (BMJ 2009; 339: b5164).

Verdächtig erscheint ihm auch die unterschiedliche Einschätzung der Wirksamkeit von Oseltamivir durch Hersteller und Zulassungsbehörden. Die Firma Roche beklagt sich im Gegenzug darüber, dass sie zuerst durch eine Medienanfrage von der geplanten neuen Meta-Analyse erfahren haben. Es bestehe aber die Absicht, die publizierten Studiendaten in Kürze der Öffentlichkeit verfügbar zu machen (BMJ 2009; 339: b5374).

In den Beiträgen ist ein Misstrauen beider Seiten spürbar, und schließlich verzichteten Jefferson und Mitarbeiter in ihrer Analyse auf die problematischen Studien, was sich auf die Ergebnisse ausgewirkt hat. Denn anders als Kaiser finden Jefferson und Mitarbeiter keinen Beleg für eine signifikante Reduktion von schweren Grippekomplikationen in den unteren Atemwegen.

Die fehlende Evidenz darf aber nicht mit fehlender Wirkung gleichgesetzt werden. Die von Jefferson ermittelte Risk Ratio von 0,55, also eine Risikominderung um 45 Prozent, ist nicht weit von der 55-prozentigen Reduktion in der Meta-Analyse von Kaiser entfernt (wobei der Vergleich sicher problematisch ist). Aufgrund der schmalen Datenbasis (804 statt 3564 Teilnehmer) verfehlt die Risk Ratio bei Jefferson aber das Signifikanzniveau (BMJ 2009; 339: b5106). Deshalb kommt der Experte zu dem Schluss, dass eine Wirkung in diesem Endpunkt nicht belegt ist.

In anderen Aspekten wird den Neuraminidasehemmern jedoch durchaus eine Wirkung konstatiert. So lindert Oseltamivir die Symptome einer labormedizinisch bestätigten Influenza: Die Risk Ratio von 0,39 bei 75 mg/die und von 0,27 bei 150 mg/die deutet sogar eine dosisabhängige Wirkung an (Zanamivir: Risk Ratio 0,38). Auch in der Postexpositionsprophylaxe wird ein gewisser Schutz anderer Familienmitglieder vor einer Ansteckung zugestanden. Für eine allgemeine Prophylaxe finden die Autoren dagegen keinen Wirkungsbeleg.

Mit gerade einmal 20 Studien in den drei Indikationen (Prophylaxe, Postexpositionsprophylaxe und Therapie) steht die Evidenzbasis in keinem angemessenen Verhältnis zu dem häufigen Einsatz der Wirkstoffe. Und auch die vom Hersteller zur Verfügung gestellten Daten aus Beobachtungsstudien vermögen Nick Freemantle und Mel Calvert von der Universität Birmingham in einer ersten Analyse nicht zu überzeugen.

Beobachtungsstudien könnten zwar zeigen, ob sich Medikamente außerhalb von klinischen Studien bewähren, schreiben die Autoren. Die vom Hersteller präsentierten Daten ließen allerdings allenfalls eine schwache Wirkung erkennen, heißt es in dem Beitrag, der aber auf eine detaillierte Analyse verzichtet (BMJ 2009; 339: b5248).

Die Chefredakteurin des BMJ, Fiona Godlee, London, schreibt im Editorial, der Hersteller habe sich formal nichts zuschulden kommen lassen. Das Beispiel zeige aber, dass das derzeitige System, in dem allein die Hersteller für den Wirkungsnachweis ihrer Medikamente zuständig sind, nicht funktioniere. Die derzeitige Publikationspraxis hinterlasse zudem ein falsches Gefühl der Sicherheit, wenn Meta-Analysen nur auf der Basis von veröffentlichten Daten durchgeführt würden und den Forscher der Zugriff auf die Rohdaten verweigert würde.

Eine Änderung der Empfehlungen zum Einsatz von Neuraminidasehemmern ist nicht zu erwarten. Das hat Charles Penn, ein Experte der Weltgesundheitsorganisation, gegenüber der Presse bereits ausgeschlossen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

massel
am Donnerstag, 10. Dezember 2009, 11:54

Die Spitze des Eisbergs

Eine Frage stelle ich mir schon seit Wochen:
Wenn man schon seiten langem weiss, dass die saisonallen Grippenviren
eine Resistenz gegen Tamiflu gebildet haben, wenn man weiss, dass die japanische Regierung die Behandlung von Kindern und Jugendlichen aufgrund von starken Nebenwirkungen verboten hat, wie kann mann dann so verlässig sein und Tamiflu als Hauptbestandteil der Medikamentenbevorratung gegen die Schweingrippe vorsehen und dafür Millionen an Steuergeldern verschwenden ?

Selbst die amerikanische Regierung ist mittlerweile zur Ansicht gelangt, dass es besser wäre das Verhältnis von Tamiflu und Relenza auf 50/50 zu ändern.
(Quelle: Sitzung National Biodefense Science Board,http://www.hhs.gov/aspr/conferences/nbsb/nbsb-mtgtrnscrpt-090925.pdf - auf den Seiten 178 ff.:)

Es bleibt auch festzuhalten, dass es neben Tamiflu und Relenza weitere, wesentlich effektivere Medikamente gibt.
Nehmen wir Relenza "intravenös" als Beispiel. Warum wird/wurde diese effektivere Variante
(Quelle The Lancet:http://www.natap.org/2009/newsUpdates/091709_02.htm)
nicht rechtzeitig gefördert und bevorratet ? Ist es den Regierungen vielleicht doch nicht Wert 450 US je Dosis , besser je Steuerzahler, zu investieren um eine optimale medizinische Versorgung zu gewährleisten ?
Oder wurde in den verantwortlichen Ministerien und Behörden einfach nur gepennt ?

Schauen wir uns mal das Medikament Laninamivir von Biota/Daichii Sankyo genauer an. Seit Sommer hat dieses Medikament Phase 3 erfolgreich bestanden, http://www.lifescience-online.com/LANI_Phase_III_clinical_trials_in_Asia_prove_succe,17280.html?portalPage=Lifescience+Today.News
braucht nur 1 Mal wöchentlich genommen zu werden und hat Präventiv-Eigenschaften !
(http://www.reuters.com/finance/stocks/keyDevelopments?rpc=66&symbol=BTA.AX&timestamp=20091111222500).
Warum gibt es für dieses Medikament kein "emergency-approval" ? Für Peramivir, keine Phase 3 bestanden, gibt es dieses Approval !
Ganz einfach: ES wurde seitens der Unternehmen / Entwickler nie beantragt ! Warum nur ?

Auch darauf findet man schnell eine Antwort: Biota kassiert momentan ca 7% der Relenza-Einnahmen von Glaxo.
Glaxo-Daichii Sankyo und Biota sind eng miteinander geschäftlich verbunden.(einfach mal googeln)
Warum sollte man sich eine Kugel ins Knie schiessen und ein 2tes besseres Medikament in den Markt bringen,
was wömöglich auch noch die Impfstoffeinnahmen des Partners Glaxo gefährdet (Präventiv-Eigenschaften) !
Nein, jetzt wird erstmal alles abgegrast, abkassiert was möglich ist, die Regierungen und Steuerzahler gemolken,
schließlich läuft 2014 das Patent für Relenza ab, da ist Eile geboten.

Aus Sicht der Unternehmen kann man diese Vorgehensweise nachvollziehen, vielleicht sogar Verständnis haben,
solange keine Menschen gefährdet werden. Für das Verhalten der Behörden kann ich persönlich jedoch kein Verständnis
aufbringen.

Alle Bürger haben ein Recht auf die optimalste medizinische Versorgung die möglich ist, meiner Meinung
sitzen in den verantworlichen Stellen / Behörden mittlerweile soviele Lobbyisten, Protektionisten oder einfach nur Handlanger
die Angst um ihre Karriere haben, so das eine unparteische uneinvorgenommene Entscheidungsfindung IM SINNE der Bevölkerung
nicht mehr möglich ist.

Hätten die zuständigen Behörden rechtzeitig genügend Druck auf die beteiligten Unternehmen ausgeübt,
so wäre es zu keiner Impstoff-Diskusion oder jetzt Tamiflu-Diskusion gekommen.
adonis
am Donnerstag, 10. Dezember 2009, 07:59

Sehr guter Artikel

ich hatte immer den Verdacht dass Tamiflu ein Plazebo mit vielen schweren Nebenwirkungen ist. Klar, dass der Hersteller da nicht nicht gerne mit der Wahrheit rausrückt. Ausserdem: Es stehen Milliarden bei der Entwicklung eines Medikamentes auf dem Spiel und wenn herauskommt, dass es nicht besser ist wie Paracetamol 500 mg, dann kann es evt auch einen Konzern ins Wanken bringen. Dann veröffentlicht man doch lieber positive kleine Studien ( wo die kleine Zahl, schon grosse Erfolge generieren kann.)
  • Drucken
  • Kommentieren
  • Teilen
  • Versenden
  •  
    Merken

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Merkliste