Alkoholmissbrauch: Drogenbeauftragte warnt vor Aktionismus
Montag, 28. Dezember 2009
Berlin – Angesichts des dramatischen Anstiegs der Zahl total betrunkener Kinder und Jugendlicher wird die Diskussion um eine Einschränkung der Alkoholwerbung und eine wirkungsvolle Prävention gerade vor Silvester fortgesetzt.
Die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP) warnt dabei vor „Aktionismus“. Sie sei „gegen vorschnelle Verbote, die weder den Jugendlichen noch der Wirtschaft helfen“, sagte sie in Berlin. Der Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, Raphael Gaßmann, hingegen forderte „endlich wirksame Gegenmaßnahmen“ und einen Milliardenbetrag für die Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs.
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) warnte gerade angesichts des Jahreswechsels vor einem erhöhten Alkoholrisiko für Jugendliche. Die Feiertage seien häufig Anlass, Alkohol zu trinken und insbesondere zu Silvester ausgelassen zu feiern. Viele Heranwachsende tränken dabei mehr als sie vertrügen, stellte BZgA-Direktorin Elisabeth Pott fest.
Manche Eltern kämen sich vielleicht altmodisch vor, wenn sie ihr 15-jähriges Kind darauf ansprächen, auf der Silvesterparty keinen Alkohol zu trinken. Sie dürften sich aber „nicht scheuen, ihren Kindern im Umgang mit Alkohol klare Regeln und Grenzen zu setzen“.
Gaßmann kritisierte, dass die Zahl der mit Alkoholvergiftungen in Kliniken eingelieferten jungen Menschen seit zehn Jahren steige, es aber nicht mehr als „schnell verpuffende Appelle zu mehr Prävention“ gebe.
Angesichts einer Verdreifachung der Fälle stationär behandelter betrunkener Kinder und Jugendlicher seit 2000 müsse die Politik jetzt endlich handeln, sagte er in Hamm. Laut Statistischem Bundesamt wurden im vergangenen Jahr rund 25.700 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und 20 Jahren aufgrund akuten Alkoholmissbrauchs stationär betreut. Das ist ein Anstieg von elf Prozent allein im Vergleich zu 2007.
Die Alkoholwerbung sei seit vielen Jahren europaweit umstritten - gesundheitspolitisch und wirtschaftspolitisch, sagte Gaßmann. „Die eine Seite plädiert für ein grundsätzliches Verbot, da dies Werbung für Suchtmittel sei. Die andere Seite hält dagegen, Schnaps und Bier seien legale Produkte, deshalb sei die Prävention gefordert“, stellte der Suchtexperte fest.
Wenn „wir dem Einfluss der Alkoholwerbung auf das sehr förderliche Konsumklima begegnen wollen, brauchen wir jedoch Geld“, sagte Gaßmann. In Alkoholwerbung werde in Deutschland jährlich eine Milliarde Euro investiert, in Prävention hingegen nur etwas mehr als 30 Millionen Euro, also drei Prozent. Unter diesem Gesichtspunkt sei der Kampf gegen das Saufen völlig aussichtslos, mahnte Gaßmann.
„Wenn wir dem Alkoholmissbrauch durch Prävention wirklich begegnen wollen, brauchen wir auch eine Milliarde Euro, um wie die Alkoholwerbung Tag und Nacht, an jeder Ecke, in jedem Kino und im Fernsehen präsent zu sein“, sagte Gaßmann.
Diese Plakate und Spots „müssen bunt, schnell, jung, humorvoll, attraktiv und sexy sein“. Wer diese Prävention einfordere, müsse auch erklären, „wie viel Geld er dafür in die Hand nimmt und woher das kommen soll. Wirksame Prävention gibt es nicht im 1-Euro-Shop“, sagte der Experte.
Die Drogenbeauftragte setzt zunächst auf Untersuchungen. Sie wolle beispielsweise die Wirkung der für Kinos bestehenden Regelung auf Jugendliche analysieren lassen, wo Spots zu Alkoholwerbung erst ab 18.00 Uhr auf der Leinwand erscheinen dürfen, sagte Dyckmans. „Zudem helfen mögliche gesetzliche Regelungen wenig, wenn deren Einhaltung nicht effektiv kontrolliert werden kann.“
Dyckmans Vorgängerin im Amt der Drogenbeauftragten, Sabine Bätzing (SPD), hatte sich hingegen für Alkoholwerbung im Fernsehen erst nach 20.00 Uhr eingesetzt. Sie begründete ihre bislang nicht von der Politik aufgegriffene Initiative damit, dass Alkoholspots laut Studien zu einem früheren Trinkbeginn verführten und sehr junge Menschen zu verstärktem Alkoholkonsum verleiteten. © ddp/aerzteblatt.de
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