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| dpa |
Seit das Medikament Tysabri® nach tödlichen Virusinfektionen des Gehirns in den USA zwischenzeitig vom Markt genommen werden musste, scheint die Zulassungsbehörde FDA neue Wirkstoffe in dieser Indikation besonders sorgfältig zu begutachten.
Dies erfuhr im November die Firma Merck Serono, die den Zulassungsantrag für Cladribin postwendend zurückerhielt. Noch im September hatten Firmenvertreter der Wirtschaftspresse gegenüber den Eindruck erweckt, die Zulassung sei reine Formsache und Cladribin werde noch vor Fingolimod, dem Wirkstoff des Konkurrenten Novartis, als erste “Pille” gegen die multiple Sklerose auf den Markt kommen.
Der Optimismus gründete sich auf die Ergebnisse der CLARITY-Studie, die im April letzten Jahres auf einer Konferenz vorgestellt worden waren, und die jetzt im New England Journal of Medicine (NEJM 2010; doi: 10.1056/NEJMoa0902533) nachzulesen sind – gleichzeitig zu den Studienergebnissen des Konkurrenzwirkstoffs.
In der CLARITY-Studie waren 1.326 Patienten entweder mit Cladribin in der Dosis von 3,5 mg/kg oder 5,25 mg/kg oder mit Placebo behandelt worden. Die Behandlung ist dabei auf kurze Zyklen beschränkt, die zwei- bis viermal im Jahr wiederholt werden.
Aus den jetzt von Gavin Giovannoni von der Queen Mary Universität in London vorgestellten Daten geht hervor, dass die Schubfrequenz (jährliche Rezidivrate) gegenüber Placebo halbiert wurde: um 57,6 Prozent in der niedrigen und um 54,5 Prozent in der höheren Dosierung.
Am Ende der Studie nach 96 Wochen waren in beiden Cladribin-Armen 79 Prozent der Patienten ohne einen Schub geblieben, gegenüber 60,9 Prozent im Placebo-Arm. Auch die geringeren Behinderungen in der Kurtzke-Skala (EDSS) und ein Rückgang in den Hirnläsionen zeigten, dass Cladribin ein wirksames Mittel zur krankheitsmodifizierenden Therapie der Multiplen Sklerose ist.
Der Wirkstoff ist übrigens nicht neu. Als Leustatin® und Litak® ist er – allerdings nicht in oraler Formulierung – seit 1997 für die Behandlung der Haarzell-Leukämie zugelassen. Dort wirkt Cladribin als Zytostatikum, das selektiv Leukozyten zerstört. Für die multiple Sklerose wurde der Wirkstoff interessant, weil es sich um die gleichen Zellen handelt, die an der Immunattacke auf die Myelinscheiden verantwortlich sind, die zur Multiplen Sklerose führt.
Die Wirkungsweise erklärt eine wichtige Nebenwirkung von Cladribin, die auch in der Studie auftrat: Bei 21,6 Prozent in der niedrigen und 31,5 Prozent in der hohen Dosierung kam es zu einer Lymphozytopenie, die nicht immer ohne Folgen blieb: In der Studie erkrankten unter der niedrigen Dosierung 8 Patienten und unter der höheren Dosierung 12 Patienten an einem Herpes zoster, eine in dem Alter (38 Jahre im Durchschnitt) ungewöhnliche Erkrankung, die in der Vergleichsgruppe auch niemals beobachtet wurde.
Vermehrte Herpes-Infektionen traten auch in den beiden Studien zu Fingolimod auf. Es handelt sich um ein synthetisches Analogon von Myriocin, einem Bestandteil des Pilzes Isaria sinclairii, der in der traditionellen chinesischen Medizin eingesetzt wird.
“Schulmedizinisch” ist Fingolimod ein Modulator des Sphingosin-1-Phosphatrezeptors, der den Austritt von antigen-aktivierten Lymphozyten aus den Lymphknoten regelt. Im Endeffekt verhindert Fingolimod, dass sich Lymphozyten auf den Weg in das Gehirn begeben, um dort Myelinscheiden zu zerstören.
An der FREEDOMS-Studie nahmen 1.272 Patienten mit RRMS teil, die entweder mit Placebo oder mit Fingolimod in der Dosierung von 0,5 mg oder 1,25 mg/die behandelt wurden. Im Unterschied zu Cladribin muss Fingolimod kontinuierlich eingenommen werden. Erste Ergebnisse wurden bereits im September vorgestellt.
Die jetzt von Ludwig Kappos, Universität Basel, und Mitarbeitern publizierten Daten zeigen, dass Fingolimod die jährliche Rezidivrate in der niedrigeren Dosierung um 54 Prozent und in der höheren Dosierung um 60 Prozent senkt (NEJM 2010; doi: 10.1056/NEJMoa0909494).
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