München – Einige Varianten im Gen für den Rezeptor eines „Nervennährstoffes“ machen Menschen anfällig für Suizide. Die Genträger sind einer Publikation in den Archives of General Psychiatry ( 2010; doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2009.201) zufolge auch dann gefährdet, wenn sie nicht unter Depressionen leiden.
Suizide haben vielschichtige Ursachen. Neben Lebenskrisen und psychiatrischen Erkrankungen haben auch genetische Faktoren einen Einfluss darauf, ob ein Mensch in einer für ihn unerträglichen Situation den Ausweg über einen Freitod sucht oder nicht.
Das legen Zwillings- und Familienstudien nahe, wie Martin Kohli und Kollegen des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie berichten. Bei der Suche nach den verantwortlichen Genen konzentrierten sich die Forscher auf den Nervennährstoff BDNF (Brain-derived neurotrophic factor) und seinen Rezeptor NTRK2 (Tyrosin Kinase 2 Rezeptor). Frühere Studien hatten nämlich ergeben, dass dieser Signalweg im Gehirn von Suizidopfern häufig vermindert aktiv ist.
Um herauszufinden, ob es hierfür genetische Gründe gibt, verglichen die Forscher die Gene von BDNF und NTRK2 bei 366 gesunden Menschen und bei 394 Patienten mit Depressionen, von denen 133 einen Suizidversuch unternommen hatten. Der Vergleich beschränkte sich auf 83 sogenannten SNP (single-nucleotide polymorphisms).
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Interessanterweise war die Assoziation unabhängig von der Depressionserkrankung. Die SNPs sind also nicht der Grund für die Gemütsstörung, die einer der häufigsten Auslöser von Suiziden ist: Fast ein Drittel der Patienten mit Depression unternehmen irgendwann einen Suizidversuch. Es kommt ein zweiter Faktor hinzu, der das Suizidverhalten bestimmt und genetisch bedingt ist. In welcher Weise der Rezeptor NTRK2 die Entscheidung zum Suizid beeinflusst, ist völlig unklar. NTRK2 ist allerdings nicht nur die Bindungsstelle von BDNF, sondern einer ganzen Reihe von Nervennährstoffen.
Kohli vermutet eine wichtige Funktion von NTRK2 in der „Netzwerkbildung von Nervenzellen und somit zur geordneten neuronalen Kommunikation“. Vorstellbar ist beispielsweise, dass er die Belastbarkeit auf Stressreaktionen beeinflusst.
Genaueres müssen künftige Studien zeigen, für die durch die Entdeckung eine wichtige Grundlage gelegt wurde. Auch die Arzneimittelforschung dürfte sich für die Ergebnisse interessieren, da der Rezeptor sich als Angriffspunkt für neue Therapien anbietet.
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