Arlington – Die American Psychiatric Association hat einen Entwurf für die 5. Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V) im Internet vorgestellt. Es werden einige wesentliche Änderungen in der Klassifikation psychiatrischer Erkrankungen vorgeschlagen, für die in den nächsten Monaten Änderungsvorschläge entgegen genommen werden.
Bedeutung der ethnischen Herkunft
Erstmals sollen geschlechtsspezifische und ethnische Unterschiede beider Klassifikation berücksichtigt werden. Hierzu gab es eine eigene „Gender and Cross-Cultural Study Group“, welche die epidemiologische Literatur zu den Einflüssen von Geschlecht, Rasse und ethnischer Herkunft auf mentale Erkrankungen erkundet hat.
Dies habe durchaus Auswirkungen auf die Textgestaltung gehabt, behauptet die Leiterin der Arbeitsgruppe Kimberly Yonkers von der Yale School of Medicine in New Haven. Als Beispiel nennt sie die unterschiedliche Wahrnehmung und Beschreibung von Symptome von Panikstörungen durch Amerikaner hispanischer und asiatischer Herkunft.
Autismus als Spektrum
Lernstörungen werden neu eingeteilt in Dyslexie (Leseschwäche) und Dyskalkulie (Matheschwäche), wie Edwin Cook, Universität Chicago, von der „Neurodevelopmental Disorders Work Group“ in der Pressemitteilung berichtet. Das Spektrum autistischer Erkrankungen („autism spectrum disorders“) wird in eine Kategorie zusammengefasst.
Sie enthält die derzeitigen Diagnosen Autismus, Asperger-Syndrom, desintegrative Störung des Kindesalters („childhood disintegrative disorder“) und andere tiefgreifende Entwicklungsstörungen („pervasive developmental disorder, not otherwise specified“).
Die Forscher gehen heute davon aus, dass es sich weniger um unterschiedliche Erkrankungen handelt als um ein Kontinuum von sehr milden bis schweren Verlaufsformen einer Entwicklungsstörung, die bereits in der frühen Kindheit beginnt.
Bei den Symptomen wird unterschieden zwischen Defiziten in zwei Kategorien: Gestört ist erstens die soziale Interaktion und Kommunikation (zum Beispiel Blickkontakte, Fähigkeit zur Konversation oder Aufbau von Beziehungen fehlen).
Zweitens sind repetitive Verhaltensweisen und fixierte Interessen und Verhaltensweisen Merkmale autistischer Störungen. Der Begriff „mentale Retardierung“ soll geändert werden in intellektuelle Behinderung („intellectual disability“), um die DSM-Kriterien besser den Klassifikationen anderer Fachbereiche (etwa der Erziehungswissenschaft) anzupassen.
Spielsucht und Drogensucht gleichgesetzt
Die derzeitigen Kategorien Substanzmissbrauch („substance abuse“) und Abhängigkeit („dependence“) werden durch die neue Kategorie Sucht und verwandte Störungen („addiction and related disorders“) ersetzt. Der Begriff Abhängigkeit „dependence“ sei missverständlich und in der Öffentlichkeit werde er fälschlicherweise mit Sucht „addiction“ gleichgesetzt, erläutert Charles O’Brien, Universität Philadelphia, der Leiter der „Substance-Related Disorders Work Group“.
Die Entwicklung einer Toleranz und Entzugssymptome seien aber eine normale Reaktion auf einige Medikamente, die auf das Zentralnervensystem wirken. Zur Sucht wird es erst durch ein zwanghaftes Suchverhalten nach dem Wirkstoff („compulsive drugseeking behavior“).
Die neue Kategorie umfasst neben der Drogensucht auch die Spielsucht. Beiden lägen ähnliche Vorgänge im Gehirn zugrunde, so eine geschwächte Impulskontrolle oder die Beteiligung von Hirnzentren für Belohnungsreaktion und Aggressionen. Eine Internet-Sucht wird nicht in das DSM-V aufgenommen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse seien noch nicht ausreichend, heiß es.
Zwei Suizidfragebögen für alt und jung
Das Suizidrisiko bei Jugendlichen und bei Erwachsenen soll jeweils durch eine Messskala besser erkennbar werden. Bisher galten Suizidgedanken als Symptome von bestimmen Erkrankungen, etwa der Major-Depression.
Jetzt sollen alle Patienten mit mentalen Störungen mit dem gleichen Instrument untersucht werden, fordert David Shaffer, Columbia Universität New York, von der „Disorders in Childhood and Adolescence Work Group“. Wichtige Risikofaktoren für junge Männer (die am meisten gefährdete Gruppe) sind impulsives Verhalten und starker Alkoholkonsum.
Das „Assessment“ erfolgt künftig mit Fragebögen, die sich als verlässlicher erwiesen hätten als persönliche Befragungen. Risikofaktoren für ein Suizid im Erwachsenenalter sind eine detaillierte Planung, chronische heftige Schmerzen oder chronische Erkrankungen, starker oder steigenden Alkoholkonsum, eine Verschlimmerung der Depression, zunehmende Angst und agitiertes Verhalten.
Risikosyndrom auf Psychose…
Neu eingeführt werden „Risikosyndrome“, die eine Früherkennung und Behandlung einer drohenden Psychose oder einer Demenz ermöglichen sollen. Das „Psychosis Risk Syndrome“ umfasst Personen, die in abgeschwächter Form die Symptome zeigen, die für eine Psychose kennzeichnend sind.
Dazu gehören exzessives Misstrauen, Wahnvorstellungen („delusion“) und eine Desorganisation in Sprache oder Verhalten. Man schätzt dass zwischen 25 bis 30 Prozent dieser Personen eine Psychose entwickeln.
Da die genannten Symptome aber auch in der normalen Bevölkerung weit verbreitet sind, soll die Diagnose eines „Psychosis Risk Syndrome“ nur gestellt werden, wenn die Symptome die Patienten belasten, betont William Carpenter, Universität von Maryland in Baltimore, der Leiter der „Psychotic Disorders Work Group“.
Man sei sich der Problematik bewusst, dass einige Menschen mit einem „Psychosis Risk Syndrome“ niemals an einer Psychose erkranken werden. Andererseits sei erwiesen, dass eine frühzeitige Behandlung die Psychose häufig verhindern könnte. Die Aufnahme des „Psychosis Risk Syndrome“ in das DSM-V ist nicht sicher. Möglicherweise wird es in einem Appendix erwähnt, um weitere Forschungen zu ermutigen.
… und Demenz
Die American Psychiatric Association erwägt außerdem die Einführung eines Risikosyndroms für Demenzerkrankungen, das leichte neurokognitive Störung „minor neurocognitive disorder“ heißen könnte.
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Verhaltensstörung „TDD“
Eine weitere neue Kategorie betrifft Stimmungsschwankungen bei Kindern. Die „temper dysregulation with dysphoria“ oder TDD ist gekennzeichnet durch heftige, wiederkehrende Temperamentsausbrüche, die für eine Diagnose dreimal in der Woche oder häufiger auftreten müssen und die in keinem Verhältnis zur auslösenden Situation oder zu einer Provokation stehen sollten.
Schon bei leichten Anforderungen oder Stresssituationen reagieren die Kinder mit extremen verbalen und körperlichen Aggressionen. Zwischen den Ausbrüchen ist die Stimmung der Kinder dauerhaft negativ: Sie sind leicht reizbar, wütend und/oder traurig.
Für die Diagnose einer TDD müssen die Symptome zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr erstmals auftreten und es darf im Unterschied zu bipolaren Störungen keine manischen Phasen geben. Bei den meisten dieser Kinder würden heute soziale Verhaltensstörungen („disruptive behavior disorder“ oder „oppositional defiant disorder“) diagnostiziert, führt David Shaffer von der „Disruptive Behavior Disorders Work Group“ an.
Langzeitstudien hätten aber gezeigt, dass es sich nicht etwa um Erziehungsprobleme handelt. Viele Kinder würden später unter Depressionen und Angststörungen leiden. Die frühere Annahme, dass die leichte Reizbarkeit im Kindesalter ein erstes Zeichen einer späteren bipolaren Störung sei, habe sich aber nicht bestätigt.
„Binge Eating“ als etablierte Essstörung
Auch das Verständnis von Essstörungen hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Allgemein bekannt und etabliert sind die Anorexia nervosa und die Bulimia nervosa, bei der die Patienten durch unangemessenes Verhalten eine Gewichtszunahme zu verhindern. Diese Erkrankungen sind nach neuem Verständnis nicht mehr auf Kinder beschränkt, was in der Kategorisierung zum Ausdruck kommt.
Das „Binge eating“, das in der DSM-IV nur in einem Appendix erwähnt wurde, soll jetzt in den Haupttext übernommen werden. Es ist gekennzeichnet durch wiederholte Essattacken mit der Aufnahme großer Mengen von Nahrungsmitteln (wenigstens eine Episode pro Woche über mindestens drei Monate), begleitet von einem Kontrollverlust und anschließenden Schuldgefühlen.
Für Timothy Walsh, Harvard Universität Boston, von der “Eating Disorders Work Group” ist es wichtig, das “Binge eating” von dem weit verbreiteten Phänomen der Adipositas infolge “Overeating” in der US-Gesellschaft zu trennen.
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