Metabolisches Syndrom durch Darmbakterien übertragbar
Freitag, 5. März 2010
Atlanta – Die Zusammensetzung der Darmflora hat einen Einfluss auf Appetit und Insulinresistenz. In tierexperimentellen Studien in Science (2010; doi: 10.1126/science.1179721) gelang es US-Forschern sogar ein metabolisches Syndrom durch den Austausch der Darmbakterien zu übertragen.
Der Pathologe Matam Vijay-Kumar von der Emory Universität in Atlanta experimentiert mit gentechnischen Mäusen, denen der Toll-like receptor 5 (TLR5) fehlt. TLR5 bindet an Flagellin, einem Bestandteil der Geißeln, mit deren Hilfe sich viele Bakterien fortbewegen.
Für das Immunsystem ist TLR5 ein Sensor um pathogene Bakterien zu erkennen. Mäuse ohne TLR5 erkranken häufiger an einer Colitis. Aber nicht nur das. Die Versuchstiere von Vijay-Kumar neigten auch zur Adipositas.
Sie waren 20 Prozent schwerer als andere Mäuse und Triglyzeride, Cholesterin sowie Blutdruck waren erhöht. Ein Anstieg von Blutzucker und Insulin wiesen auf eine Insulinresistenz hin. Wurden die Tiere auf Diät gesetzt, nahmen sie zwar ab, doch die Insulinresistenz blieb bestehen. Wenn sie hochkalorisch ernährt wurden, entwickelten sie rasch einen Typ-2-Diabetes mellitus und eine Fettleber. Kurz: Mäuse ohne TLR5 entwickeln ein metabolisches Syndrom.
Anzeige
Weitere Experimente belegen, dass eine außer Kontrolle geratene Darmflora die Ursache ist. Zum einen besserte sich das metabolische Syndrom unter einer Antibiotika-Therapie, welche die Darmflora weitgehend auslöschte.
Zum anderen gelang es den Forschern, auch genetisch gesunde Tiere (ohne TLR5-Mangel) mit dem metabolischen Syndrom zu „infizieren“, indem ihnen die Darmflora der gentechnischen Mäuse übertragen wurde.
Doch welche Bakterien für das metabolische Syndrom verantwortlich sind, konnte nicht ermittelt werden. Frühere Experimente an Adipositas-Mäusen hatten eine relative Zunahme von Firmicutes gegenüber Bacteroidetes für den Anstieg von Appetit und Gewicht verantwortlich gemacht.
Doch in der jetzigen Analyse unterschieden sich die TLR5-Mangel-Mäuse hier nicht von gewöhnlichen Mäusen. Solange die Verursacher nicht gefunden sind, dürfte eine gezielte antibiotische Therapie nicht infrage kommen.
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie
registriert sein.
Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.
Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.